Ausgekotzt

Als ich um 5 Uhr „wach“werde schwebe ich irgendwo zwischen Halbalbtraum und Depri-Realität. Entzugserscheinungen, ganz klar, hab gestern abend vergessen Metha zu fressen. Aber da ist noch was Anderes, Unbekanntes. Das heißt- nein, nicht unbekannt, etwas aus der Kindheit Verschollenes.

Ich gehe ins Bad. Nicht nur, daß ich seit ca zwei Jahrzehnten nicht mehr  morgens kacken war, ich kenne Stuhlgang seit genauso langer Zeit nur noch verbunden mit Anstrengung und Mißerfolg, dank chronischer Verstopfung durch Opiatkonsum. Doch diesmal ist alles ganz anders…Es spritzt sozusagen aus meinem Arsch. Fuck! Mein Hirn ist immer noch nicht darauf eingestellt, was da gerade in meinem Körper abgeht. Nachdem ich ne halbe Rolle Lokuspapier verbraucht habe, aufstehe und mir die Buxe hochziehen will, fährt plötzlich ein Schmerz durch Magen und Darm, den ich so in meiner Erinnerung noch nicht erlebt habe. Ich kann so gerade eben noch die Buxe wieder runterziehen, krümme mich erneut auf’s Klo runter und die nächste Ladung stinkender flüssiger brauner Bakterienmasse ist fällig. In meinen Gedanken müßte der Gestank durchs offene Fenster halb Lüttringhausen eingenebelt haben. Die Rolle Klopapier ist platt, die nächste muß dran glauben…

Ich bin Mann, ich brauch Beistand. Da Katrin eh in wenigen Minuten aufstehen muß, kann ich sie auch schon wachmachen und von meinem Leid klagen. Nicht nur von dem Dünnschißdrama der vergangenen Minuten, sondern vor allem von meinem aktuellen Zustand. Längst ist mir klar, daß es das noch lange nicht war und daß das eben Erlebte nur der angenehmere Teil der fucking Darmgrippe war.

Als ich Katrin auffordere sie solle mir bitte umgehend einen Eimer holen, ist es längst zu spät. Der erste Strahl Kotze kommt noch ziemlich läppisch daher, aber der zweite und dritte bringen die komplette Grünkohl/Kartoffel/Schnittwurstmasse auf den Wohnzimmerteppich, die ich mir gestern abend nach der Spätschicht dank Katrin’s göttlichen Kochkünsten noch reingezogen habe. Anstatt mich zu trösten fragt mich Katrin wenig begeistert, ob das denn jetzt echt nötig war. War es definitiv! Sie teilt mir völlig herzlos mit, daß ich bitte nicht denken soll, daß sie die Brühe wegmachen würde. Beim letzten Mal hat’s Mama aufgewischt- ist allerdings auch schon knappe 35 Jahre her. Früher war wirklich alles besser!

Ich bin ziemlich schmerzfrei, was Ekel angeht, zumindest wenn es mit mir und meinem Körper zutun hat. Wenn ich an meine Hardcorejunkjahre denke, wäre das auch ziemlich bitter gewesen, wenn es nicht so wäre. Aber dieser Riesenbatzen Kotze, dieser Kotze/Grünkohlgestank ist echt brutal! Daß es mir beim Aufwischen nicht gleich nochmal hochkommt grenzt schon an ein Wunder. Aber nur wenige Minuten später ist es dann wieder soweit…Diesmal treff ich vorbildlich, fast schon professionell den Eimer, schon wieder in drei Schüben.

Wie werd ich nur dieses Scheißfeeling los? Das i-Tüpfelchen auf meinem Elendszustand ist die ausgekotzte Methatablette,noch lange bevor die Opiate meine Rezeptoren erreichen konnten. Ich befinde mich wirklich in einer Art Delirium, wirklich alles andere als schön. Darmgrippe mit Entzugserscheinungen, immer mal wieder was Neues. Tascha ist Schuld! Katrin’s Tochter hat die Bakterien von Hans (ihrem Freund) angeschleppt. Vielleicht war es ein Fehler, daß ich mich darüber amüsiert habe, daß er den halben Sonntag auf’m Klo verbracht hat… Und während ich mich in meinem Selbstmitleid so richtig schön sudel, penn ich tatsächlich irgendwann ein…

Das Schlimmste ist anscheinend überstanden, ich fühl mich zwar unendlich schlapp, aber mir ist nicht mehr schlecht und allein das ist entscheidend. Und das Methadon erfüllt endlich auch seinen Zweck. Zwieback schmeckt gar nicht schlecht und sollte ich durch die ganze Scheiße n Kilo abgenommen haben, dann hatte das Ganze ja sogar noch was Gutes. Aber ernsthaft: Gesundheit über alles!

 

Die kleine Welt der Drogis

1.

Vor ein paar Jahren bei meinem Methadoc

Die Arzthelferin schickt mich mal wieder zum Abpissen – Kontrolle ob ich böse war und in den letzten Tagen Drogen konsumiert habe. Ich marschiere Richtung Lokus, drehe den Wasserhahn auf zum Anregen, mache meinen Hosenstall auf, hol meinen Penis aus der Hose und will mich gerade entleeren und gleichzeitig den Drogenscreeningbecher mit meiner Pisse auffüllen. Plötzlich geht die Tür auf und dieser komische Assistenzarztspacko, der seit ein paar Wochen so eine Art Praktikum hier abliefert, kommt rein und glotzt erst mich kraß arrogant an, dann meinen Schwanz.

„Können Sie mir mal sagen was Sie da machen? Geht’s noch?“

„Was wohl? Ich kontrolliere, ob Sie auch Ihren eigenen Urin abgeben und hier nichts faken! Ich kenn doch eure Tricks!“

Ich koche und muß mich ganz schwer beherrschen nicht komplett auszurasten. Das Schlimme ist, daß der Typ auch noch recht hat. Ich habe früher mehr als einmal Urin von anderen abgegeben, wenn ich mal wieder Heroin konsumiert hatte und nicht wollte, daß das rauskommt. In Entgiftungs- und Therapieeinrichtungen geht immer ein „Kontolleur“ mit auf’s Klo, völlig normal. Mich regt die Art und Weise dieses Unsympaths auf, dieser abschätzige Blick, der mir jede Sekunde sagt, daß ich ein asoziales Stück Scheiße bin.

„Hören Sie, ich bin bei Dr. S. seit zig Jahren im Programm und es hat noch nie Probleme gegeben. Und wenn Sie mir auf meinen Penis starren, kann ich nicht pinkeln!“

„Na gut, ich stelle mich da vorne hin, aber ich behalt Sie im Auge!“

Dummer Wichser!

2.Ne Woche später im Deja

Der Laden ist mal wieder gut gefüllt. Wir wollen uns eine rauchen und gehen raus in die Raucherzone.  Als ich die Tür aufmache, kommt mir ein Typ entgegengetorkelt. Meine Fresse, der Kerl hat bestimmt 2 Promille. Er rempelt volles Rohr ein Mädel an und als diese ihn fragt, ob er nicht besser aufpassen kann, lallt er irgendwas von wegen sie hätte einen ziemlich geilen Arsch. Im selben Moment erkenne ich ihn- es ist das Assistenzarztarschloch, hackebreit wie kein Zweiter hier in dem Schuppen. Von mir aus kann er sich totsaufen und sich hier weiter blamieren wie er will- aber uns Junkies auf’n Sack gehen und dabei selbst so’n kaputtes Stück Scheiße sein, geht in meinen Augen gar nicht!

Ein paar Tage später erfahre ich, daß er nicht mehr bei Dr. S. arbeitet- unter den Junks geht das Gerücht rum, die beiden wären miteinander nicht klargekommen…

3. 17. Dezember 2016

Reimundo holt mich pünktlich gegen halb sechs ab. Er hat sich den kleinen Bus geliehen- es kommen nicht nur seine alte Freundin Susanne mit Sohn mit, sondern auch noch zwei Bekannte von ihr. Die sollen nun als Nächstes aufgegabelt werden. Wir wollen nach Mülheim ins Palladium, New Model Army spielt, wie jedes Jahr kurz vor Weihnachten. Ich hab die Jungs mal 1993 beim PinkPop in Holland gesehen, bin aber eher der Banause, was deren Mucke angeht. Aber Reimund und Susanne waren in jüngeren Jahren mehr oder weniger richtige Fans. Ich freu mich, daß mich Reimundo gefragt hat, ob ich mitkommen will.

Die zwei Typen sollen wir auf Hasten abholen. Reimund erzählt mir nebenbei, daß einer von denen Arzt ist. Reimund hält und es dauert ein paar Minuten, bis die Jungs aus dem Haus rauskommen und einsteigen. Die beiden stellen sich vor und während der eine den ganzen Abend kaum noch was von sich gibt, labert der andere uns von Anfang an ein Knopf an die Backe. Er hat Lemmy mal im Palladium gesehen, das war natürlich spitzenklasse und er ist Sänger in ner Band und er ist froh keine Blagen zu haben (Reimundo hat sechs…) und blablabla. Es ist der Arzt und irgendwie kommt der Typ mir die ganze Zeit bekannt vor…

Im Palladium angekommen, geh ich mir nach kurzer Zeit in der Raucherzone eine qualmen. Bis zum Konzert ist es noch ein Weilchen. Der Doc dackelt mir hinterher, um mir seine längst gepriesene E- Zigarette vorzuführen. Ein Typ fragt mich nach Kippe und Feuer.

„Aber rauchen kannst du selber…?“ mischt er sich ein. „Bei Lemmy damals haben wir einfach in der Halle geraucht, da sind wir nicht extra rausgegangen!“ labert er weiter. Auf einmal geht mir ein Licht auf…

„Kann es sein, daß du mal bei Dr. S. gearbeitet hast?“

Er hat…(mich erkennt er dagegen unter den ca 30 angefressenen Kilos der letzten Jahre nicht)

Das Konzert ist top- nicht nur, daß New Model Gas gibt, als Vorband spielt Abwärts. Auch eine Uraltdeutschpunkband, die ihr Handwerk versteht. Außerdem ist Reimundo gut drauf, obwohl wir beide  trotz intensiven Bemühens es nicht schaffen, auf den Oberrang zu gelangen- wir sind einfach keine very important persons…

Die Rückfahrt. Ich sitze wieder neben Reimund auf dem Beifahrer und während wir uns den ein oder anderen ungläubigen Blick zuschmeißen, ist unser Doc in einer Tour am labern- hauptsächlich dummes Zeug. Für das Konzert hab ich keinen Gehörschutz gebraucht, für diesen endlosen Schwall an Stuß hätte ich dann doch besser was mitgenommen. Lemmy würde sich definitiv im Grabe rumdrehen…

4. Drei Tage später

Durch Zufall treffe ich n alten Drogenkollegen wieder. Wir unterhalten uns und wir kommen auf einen anderen alten Kumpanen von uns zu sprechen. Ich wundere mich, daß ich den gar nicht mehr bei Dr. S. antreffe.

„Nee, der bekommt sein Methadon jetzt bei so nem Arzt auf Hasten. Soll zwar n ziemlicher Schwätzer sein, aber dafür geht er auf Rockkonzerte und trinkt sich auch mal gerne einen, hab ich gehört…“

27.Dezember 2016

Nachdem mir Weihnachten ein paarmal schwindelig war und es mir auch sonst nicht gut ging, latsche ich zu Dr. S. Er ist krank und Dr. G. vertritt ihn. Mein Blutdruck ist trotz Tabletten schon wieder viel zu hoch, was bedeutet, daß ich ab jetzt die doppelte Ration einnehmen muß. Naja, wenn’s sonst nichts ist…

Doch, da ist noch was- im Sommer hört Dr. S. auf und geht in Rente.

„Ja wie, und was ist dann mit Methadon?“

„Tja, das ist ein Problem. Ich darf leider nicht substituieren. Aber auf Hasten ist ein Arzt, der hat auch schonmal kurz bei Dr. S. gearbeitet…“

Ob es 2017 wohl gut mit mir meint? Warten wir es ab…

Alle Jahre wieder

88 Tacken für FC-BVB ! Das wären bei Snickboy damals vier Gramm Braunes gewesen. Ich erwische mich immer noch beim Umrechnen, dafür hat das ganze Drama zu viele Jahre angedauert. Vielleicht sogar drei Gramm Weißes, allerdings kein Kolumbianisches…Ich bin überrascht, damals dachte ich hin und wieder (allerdings nie länger als ein Sekundenbruchteil), soviel Kohle für ein paar Stunden Fun. Daß ich mal soviel Geld für 90 Minuten Fußball ausgeben würde, hätte ich damals nicht unbedingt gedacht. Obwohl- es ist ist ja nicht nur die Zeit zwischen 15.30 und 17.15 (minus 15 min Halbzeit). Um 13.30 holt mich Mirsad ab und die halbe Stunde In Flames und Breaking Benjamin bis Kölle, nichtmal besonders laut, sind schonmal lohnenswert. Es ist geiles Wetter und spätestens nachdem Mirsad in Ehrenfeld geparkt hat, um von da Richtung Müngersdorf zu latschen, frage ich mich nach ein paar Metern, warum ich meine fette Juppe nicht im Auto gelassen habe. Die Suppe lüppt mir nicht nur meine Fresse runter, nein, alles klebt an mir und es kommt mir sehr entgegen, daß Mirsad ganz dringend pissen muß. Nachdem er sich im Mäckes erleichtert hat, während ich ihm ne Cola Zero und mir n göttlichen Erdbeershake bestellt habe, gegen den widerliches Geschmack , den ich seit ner gewissen Zeit durch die schon zig gesmoketen Kippen verspüre, suche ich nun den Lokus auf, um mir mit ner halben Rolle Klopapier den Schweiß vom Körper abzuwischen…

Im Stadion. Mirsad hatte es wirklich geschafft Karten zu besorgen. Wir hatten uns drauf geeinigt, daß wir nicht mehr als n Hunni ausgeben. Nachdem er im Netz wochenlang die Erfahrung machte, daß unzählige Idioten sogar das Doppelte zahlen (ab 89 € darf man als Idiot bezeichnet werden), hatte es bis letzten Montag gedauert, bis er endlich dieses „Schnäppchen“, zwei Karten für 176 Eus, erwerben konnte. Kleiner Nachteil (klein ist NICHT ironisch gemeint) – wir sitzen im BVB-Block. Die Dortmunder machen zwar geile Stimmung, aber ming Hätz schlät für de FC Kölle- seit 40 Jahren. Großer Nachteil (nur ein BISSCHEN ironisch gemeint)- unser Platz ist in Reihe 29, drei Reihen unterm Dach. Nachdem wir über die Außentreppen den Oberrang erreicht haben, gilt es nun unzählige und vor allem kraß steile Stufen zu überwinden. Mirsad hat längst unsere Plätze erreicht, während ich sozusagen zweimal Rast mache- in Reihe 12 und in Reihe 23 muß ich n Zwischenstop einlegen. Nicht nur daß ich fast abkacke und schon wieder am ölen bin wie Sau, die obligatorische Bratwurst/Cola, die eigentlich bei jedem Stadionbesuch in der Halbzeit Pflicht ist, kann ich mir sowas von Klemmen ! Bevor ich die ganzen Stufen wieder runter- und vor allem danach wieder hochsteige, verzichte ich lieber und freu mich dafür noch n Tacken mehr auf’s Abendessen beim Türken in Mülheim.

Mirsad empfängt mich mit einem Grinsen. Die 14 Jahre Altersunterschied zwischen uns sind wohl nicht der einzige Grund, warum er um einiges fitter ist als ich. Meine Plauze, meine Lebensweise, machen mich gefühlt zu einem alten Mann. Daß der BVB erst in der 89. das 1:1 macht, sorgt bei mir nicht gerade für gute Laune, gleichzeitig finde ich es aber auch ok, weil Mirsad ja nunmal ein Borusse ist.

Danach treffen wir uns mit den anderen Jungs vom Nebenjob in Mülheim in einem türkischen Restaurant, wo wir schon letztes Jahr gespachtelt hatten. Der Laden ist mal wieder rappelvoll und die Bedienung läßt sich Zeit ohne Ende. Mittlerweile hab ich so’n Kohldampf, daß ich n halbes Schwein fressen könnte! Ups, meine natürlich n Lamm, kein Schwein, dafür allerdings n Ganzes! Der Kellner bringt Fladenbrot und Dip. Das Brot ist mal wieder so geil, daß ich mir (aber auch die anderen Jungs) innerhalb kürzester Zeit unzählige Schnitten reinhaue und nachdem ich noch die Hühnersuppe vertilgt habe, die mich ursprünglich vorm Verhungern retten sollte, weiß ich echt nicht mehr wie ich noch die Hauptmahlzeit runterkriegen soll. Aber- Überraschung- ich schaff es dann doch.

Der selbe Ablauf wie letztes Jahr. Als Nächstes Weihnachtsmarkt Kölle. Wir sind allerdings spät dran und können froh sein, daß noch ein paar Stände aufhaben. Ich trinke einen Glühwein mit Schuß und muß mal wieder feststellen, daß bei mir die alte Plattenweisheit gilt: Einmal Drogi, nie mehr Alki! Würde ich noch einen Zweiten trinken, könnte ich nach Hause fahren und mich ins Bett legen. Das Gute ist, daß ich nicht mehr hackebreit werden muß, um Spaß zu haben. Die Jungs sind gut drauf und kurz darauf landen wir wie geplant in der Tanzbar, von uns auch gerne TanzbÄr genannt. Hier muß ich allerdings dann doch feststellen, daß mir der Pegel fehlt, um es hier länger auszuhalten. Zu voll, zu warm, zuviel Partymucke…

Gegen 1 Uhr hauen Amar, Mirsad und ich ab. Amar hatte es tatsächlich noch am Freitag geschafft für 42 Schleifen ne Stehplatzkarte in der Kölner Kurve zu ergattern, er hat also einen ähnlichen Marathon hinter sich. Da wir bei Marathon sind- Mirsad’s Handy zeigt an, daß wir heut 11 km gelatscht sind- wenn mich nicht alles täuscht, gab es dafür früher die bronzene Wandernadel…

Der Tag endet so wie er angefangen hat- Mirsad legt noch Ill Niño, 4 Lyn und Der W. auf. Das erinnert mich daran, daß wir im Frühjahr zusammen zu Ill Niño und n Monat später zu In Flames fahren. 30 und 60 Tacken-  nix Braunes, nix Weißes – diesmal zweimal zwei Stunden geile Mucke…img-20161210-wa0012