Therapie (1)

Ich  sitze auf dem Bett, in dem ich wohl die nächsten Nächte schlafen werde. Keine zehn Minuten ist es her, als sie beim Durchsuchen meiner Klamotten das kleine weiße Methadondöschen fanden und eine Art Tumult ausbrach. Ich wußte zuerst gar nicht was los ist- es muß Monate her sein, daß ich mir die Dose in die Jackentasche gesteckt hatte. In meiner dicken Winterjacke und jetzt haben wir JUNI ! Aber das interessiert hier keine Sau, könnte ich ja ganz bewußt gemacht haben, in der Hoffnung, daß sie die Wintersachen jetzt noch nicht filzen. Nachdem ich vorhin ne negative UK abgegeben habe, darf ich jetzt nochmal pissen- könnte ja in der Zwischenzeit vom Methadon genippt haben oder so. Jetzt hocke ich hier und versuche irgendwie die Flasche Wasser runterzubekommen, die sie mir in die Hand gedrückt haben. Fängt alles richtig gut an hier. Daß ich jetzt gerade mal den vierten Tag auf Null bin und ich mich entzügig fühle, setzt dem Ganzen noch die Krone auf.

Plänum ist angesagt. An die Therapiesprache muß ich mich noch gewöhnen. Daß Versammlung hier Plänum heißt, damit kann ich noch leben, aber daß hier Leute, die zig Jahre Knast und Drogensucht hinter sich haben, davon reden, daß sie AMBIVALENT sind, das macht mich scheißsauer. Vor ein paar Wochen waren sie noch unentschlossen, jetzt sind sie ambivalent. Und das ist auch gleich eins von ihren Themen, die sie REFLEKTIEREN und danach bearbeiten müssen. Ich weiß genau, daß mir diese Worte hier nicht einmal über die Lippen gehen werden, egal welcher Gehirnwäsche ich hier ausgesetzt bin.

Artelt kommt rein. Höchstens 1,65m groß, vielleicht 60kg schwer, graue Haare, grauer Schnauzer- und trotzdem erfüllt er mit seiner Erscheinung den Raum mit Energie. Dieser Mann ist der Grund, warum ich hier gelandet bin. Micha hat hier vor zwei Jahren seinen 35er abgerissen- Therapie statt Haftstrafe- und er meinte Artelt wäre ein Top-Therapeut. Das Plänum verläuft ziemlich ruhig, bis wir zu den Regelverstößen kommen. Jeder muß jetzt beichten, inwiefern man in den letzten 24 Stunden gegen die gültige Hausordnung verstoßen hat. Man muß genau abwägen- es gibt so viele Regeln, wenn man behauptet, alles korrekt befolgt zu haben, macht man sich verdächtig. Also erzählt man am besten irgendeinen belanglosen Scheiß, wo nicht weiter nachgehakt wird. So auch diesmal, bis ein Mädel erzählt, sie habe ne Nachtwanderung gemacht. Ich bin völlig überrascht, daß die Kleine so dreist ist, und aus dem Fenster runter- und später wieder hochgeklettert ist, denn anders kommt man hier nachts nicht raus- das große Tor ist dann nämlich abgeschlossen. Die Übertherapierten rasten auch gleich aus und wollen sie rundmachen- Nachtwanderung bedeutet richtig krasser Verstoß- aber Artelt will erst noch die anderen hören. Als ich dran bin, erzähle ich, daß ich nachts zum Kühlschrank geschlichen bin und n Schluck Cola getrunken hab (auf Zimmer ist nur ne Flasche Wasser erlaubt). Erstens stimmt es und zweitens denke ich, daß man dafür ja wohl Verständnis hat. Falsch gedacht…

Fünf Minuten später weiß ich, daß Nachtwanderung in Therapiesprache einfach nur Zimmer verlassen bedeutet. Keiner kann fassen, daß ich das nach nur zwei Tagen gewagt habe. Ich hab das Gefühl, daß Artelt und die anderen Therapeuten das Ganze ziemlich locker sehen. Komiscberweise sind es die Drogis, die null Verständnis für meine ach so grausame Tat haben. Ich bin durch den Turkey noch zu sehr geschwächt, als daß ich mich jetzt auf irgendne Diskussion einlasse, sollen sie ruhig alle auf mich draufhauen.

Als ich später in meinem Zimmer sitze, das ich mir mit Gregor aus Krefeld teile, weiß ich eins genau: entweder ich breche die Therapie in den nächsten zwei Wochen ab oder ich werde dieser völlig kranken, übertherapierten Truppe die Stirn bieten…

 

 

 

Knast (2)

Ich schäume vor Wut und muß mich wirklich beherrschen…Nach einem endlos langen Wochenende auf Zelle, die ich mit diesem Spacko verbringen mußte, durfte ich gerade tatsächlich ne Runde Duschen. Ich gehöre mit Sicherheit nicht zu den Hygienefanatikern, die ne Krise kriegen, wenn sie mal einen Tag nicht duschen können, aber das war jetzt einfach nur geil, und ich fühle mich auch schon um einiges besser. Daß Marokkspacko das Angebot zu Duschen nicht angenommen hat, überrascht mich nicht wirklich. Als ich mir die allerletzte Kippe anmachen will, nachdem ich fünfzehn Stunden nicht geraucht habe, ist die Schachtel – LEER ! Ich merke, wie mir aus lauter Haß tierisch heiß wird. Drei Tage lang habe ich mir alle Kippen brüderlich mit diesem Vollassi geteilt, und jetzt klaut er mir die Letzte. Mir wird schlagartig bewusst, daß das auch der Grund dafür war, daß er nicht duschen wollte, damit er mir in der Zeit die Kippe zocken konnte.“Du bist ja wohl ein riesengroßer Wichser ! Kein Wunder, daß Deine Verwandten Dich hier nicht rausholen!“ Die ganze Zeit hat er mir vorgeheult, daß seine Familie nur 800 Schleifen hinblättern bräuchte und er käme frei. So hoch beträgt wohl irgendne Geldstrafe, die er nicht bezahlt hat. „Ich dachte, das wäre ok , wenn ich die nehm“, provoziert er mich weiter. “ Halt einfach die Fresse, Arschloch!“ Ich bin ein gewaltfreier Mensch und das wird auch jetzt so bleiben. Mein erstes Lehrgeld hab ich also bezahlt.

Nachdem ich mir beim Hofgang Tabak und Blättchen geschnorrt- und ne Runde Tischtennis gezockt habe, frage ich den Schließer, ob er mir irgendwas Neues erzählen kann. „So wie es aussieht, wirst Du nach Wuppertal verlegt.“ Ich glaub einfach nicht, was ich da eben höre. Irgendwie hatte mir das Halt gegeben, daß Katrin, meine Eltern, Schnucki ,daß alle nur wenige hundert Meter entfernt sind. Deshalb bedeutet Wuppertal für mich knastmäßig noch ne Steigerung.

Zwei Stunden später sieht die Welt schon wieder anders aus. Katrin besucht mich. Ich freu mich total. Seit ich hier drin bin, wird mir immer mehr bewußt, wieviel sie mir bedeutet. Sie bringt mir Kippen, Cola und Süßigkeiten mit und sagt mir, daß ich mir keinen Kopp machen soll, daß sie mir schreibt und daß sie mich natürlich auch in Wuppertal so oft es geht besuchen wird. Ich weiß komischerweise, daß ich ihr zu 100% vertrauen kann, obwohl wir gerade mal einen Monat zusammen sind. Als ich zurück auf Zelle bin, geht’s mir definitiv besser. Und deshalb bin auch gar nicht überrascht, als ich dem Marokk die Schachtel Gauloises hinhalte und wie von selbst ein „Nimm ruhig!“ aus mir rauskommt. Das läßt die Schweinebacke sich natürlich nicht zweimal sagen…

Smalltalk am Bahnhof / Schwein gehabt 1

IMG_20160701_072757574Ich warte auf Snickboy am Bahnhof. Laut Plan müßte der Zug jeden Moment eintreffen, auf den neben mir noch ein halbes Dutzend anderer Menschen wartet. Die Kohle halte ich in der Rechten, bereit zum Übergeben. Der Zug trudelt ein, Snickboy steigt aus. Wir reichen uns die Hand, die 30Eus wechseln den Eigentümer, gleichzeitig übergibt er mir den Bubble. Noch zwei belanglose Sätze und Snickboy steigt wieder im Zug ein, mit dem er weiter Richtung Tal fährt. Sein Ziel: Platte Döppersberg. Ich bewege mich Richtung Treppe. Mein Ziel: ganz schnell nach Hause! Als ich unten bin und den Bahnhof quasi verlassen habe, ertönt ca zehn Meter hinter mir eine Stimme: „Hallo, bleiben Sie mal bitte stehen! Polizei!“ Ich denk nur Fuckfuckfuck, gleichzeitig analysiere ich im Kopf die Situation. Den Bubble hab ich immer noch in meiner rechten Flosse, unten zwischen Zeige- und Mittelfinger. Zum Wegwefen sind sie zu nah, das würden sie nicht übersehen. Kommt aber irgendwie auch so nicht wirklich in Frage…“Haben Sie gerade eben Drogen gekauft?“ Zwei Zivis, ein Typ und ne Alte, beide schätzungsweise Ende 20, halten mir ihre Marke vor die Nase. Mir ist klar, daß sie gleich meine Personalien über Funk durchgeben werden, und dann erfahren sie eh, daß vor ihnen ein Drogi steht. „Nein, habe ich nicht. Ich gebe zu, an anderen Tagen wäre es durchaus möglich, daß ich was in der Tasche habe, aber gerade eben habe ich keine Drogen gekauft. Ich hab nur jemandem Geld zurückgegeben, daß ich ihm noch geschuldet habe.“, versuche ich gleich den Bullen ein bißchen Wind aus den Segeln zu nehmen. „Und das machen Sie hier am Bahnhof?“ So richtig glaubt mir der Zivi nicht. Würde ich wohl auch nicht. Die Alte gibt meine Personalien durch, nachdem ich meinen Perso gezückt habe. Jede Sekunde rechne ich damit, daß ich meine Hände ausgestreckt vorzeigen muß, dann haben sie mich nämlich, keine Chance dann noch irgendwie da rauszukommen. Und ich bin noch auf Bewährung, das wäre also richtig Scheiße, auch wenn es nur um ein knappes Gramm geht. Stattdessen muß ich meine Jacke ausziehen ,vorher alle Taschen leeren, ebenso die Hosentaschen. Der Bubble sitzt schön feste zwischen meinen Fingern, während ich meine paar Sachen  aus den Taschen krame, so daß ich mir keine großen Sorgen mache, daß er mir dabei runterfallen könnte. Ich werde von dem Typen gefilzt, während die Alte Portemonnaie und Kippen durchstöbert. Kurze Zeit später sind beide angepißt- kein Erfolgserlebnis zu verzeichnen! Sie halten mir noch einen Vortrag, daß Cannabis immer noch zu Recht verboten ist und daß ich demnächst woanders meine Geldsachen regeln soll. Ich fühle mich geehrt, daß sie mich alten Junkie nur für’n Kiffer halten und zeige ein bißchen Reue. Dabei würde ich die beiden am liebsten über ihren Dilettantismus aufklären. Müssen noch einiges lernen, die zwei Bullenkinder, sonst wird das nichts mit der großen Karriere. Ich nehme meine Siebensachen und verabschiede mich artig. Nachdem die Bullen außer Sichtweite sind, rufe ich erstmal Snickboy an…

Knast (1)

Pa fährt mich bis zum Eingang. Vorne sitzt der selbe Typ, der mir vor drei Tagen gesagt hat wann und wo ich mich melden soll. Ich zeige ihm meinen Stellungsbefehl. Dann frage ich ihn, wo ich solang den Fernseher abstellen kann, der noch im Kofferraum des Vectra’s liegt. Er läßt mich das Monstrum reinschleppen und sagt dann, ohne aufzuschauen: „Das Ding ist zu groß.“ Er faselt irgendwas von Vorschriften und Maßen und ich schleppe das Teil wieder zurück. Pa hatte wohl schon ne Vorahnung, überrascht ist er jedenfalls nicht. „Wir werden Dir einen Fernseher in der richtigen Größe besorgen!“ Wie bei jeder Scheiße, die ich in meinem Leben gebaut habe, stehen er und Ma hinter mir. Wie immer habe ich bis zuletzt gewartet, um mit der Sprache rauszurücken und wie immer haben sie so reagiert, daß ich mich danach schon viel besser gefühlt habe. Solange die beiden leben, bin ich nicht allein, soviel steht fest. Trotzdem, bei dem Weg, der in den nächsten Monaten vor mir liegt, können sie mir nur bedingt helfen und das ist irgendwie auch gut so.

Als erstes muß ich zum Abpissen. Die Schließerin bringt mich in den Untersuchungsraum, wo ich dem Arzthelfer ein paar Fragen beantworten muß. Das Übliche, Name, Alter usw. Ich lege den Wisch vor, der bestätigt, daß ich mit Methadon substituiert werde. Der Knabe ist hundertpro schwul. Allein die Stimme- schwuchteliger geht’s kaum. Dann versucht er noch witzig zu sein, aber mir ist momentan gar nicht zum Lachen. Erstmal will ich das hier hinter mich bringen. Ich bin seit zwei Wochen clean- also was den Beikonsom angeht- was bedeutet, daß ich meine Zeit im Offenen abreißen kann. Alle haben mir erzählt, daß man im Offenen die Zeit auf einer Arschbacke absitzt, alles nur halb so schlimm.

Der Teststreifen liegt in meiner Pisse und ich hab die ganze Zeit schon ein scheiß Gefühl. Inzwischen ist ein weiterer Schließer reingekommen. Nach einer Minute schaut die Schwuchtel auf den Streifen und sagt zu dem Schließer, als wäre ich gar nicht im Raum: „Positiv!“

Am liebsten würde ich laut Scheiße schreien. So ein Fuck! Glaubt mir kein Schwein, daß ich nach zwei Wochen immer noch positiv bin. Ich hocke jetzt oben auf dem Knastetagenbrett und muß erstmal klarkommen. Unter mir so’n fetter, unsympatiscber Marokk. Nach zehn Sekunden war mir klar, daß wir NICHT auf einer Wellenlänge sind. Nach zehn Minuten hat er auch schon zwei Kippen bei mir geschnorrt. Ich überlege kurz, welche Strategie ich in den nächsten Wochen befolgen werde,nur an mich denken,geradeaus und durch oder alles was ich habe mit meinen künftigen Knastkollegen teilen. Ich entscheide mich für Letzteres.

 

Das Starterkit

IMG_20160630_20474023817.Dezember 2001

Ich stehe an der Drehbank und drehe den Ring fertig. Die Späne fliegen. Mit Unterbrechungen mach ich den Job jetzt seit fast fünfzehn Jahren. Und bin seit Tagen pleite. Irgendwas läuft verdammt falsch bei mir. Seit Tagen schluck ich zweimal am Tag diese Methaplörre. Körperlich habe ich also keine Probleme, aber meine Psyche… Obwohl ich erst seit Kurzem wieder am arbeiten bin, fühl ich mich sowas von urlaubsreif. Ein langer dünner Span hatte mir meine Ferse und die Achillessehne durchschnitten. Drei Monate war ich weggewesen und trotzdem bin ich völlig überarbeitet. Aber wenn ich ehrlich zu mir bin, dann weiß ich, daß ich einfach nur n Knaller brauch. Wie immer nach drei, vier Tagen Pause geht der Suchtdruck und die schlechte Laune los, da könnte ich die doppelte Ration Methadon abschlucken, das würde gar nichts ändern!

Ich schaue hoch zur großen Uhr, es ist 11, noch eine Stunde bis zur Mittagspause. Vorne am Versand taucht plötzlich mein Chef auf, zwei Tussis aus dem Lohnbüro im Schlepptau. Sie gehen von Maschine zu Maschine und verteilen irgendwas. Als sie bei mir ankommen, drückt der Alte mir n kleinen Beutel Münzen in die Hand und sagt: „Nicht gleich alles ausgeben!“ und lächelt mich typisch verschmitzt an. Ich tu ihm den Gefallen und spiele mit, obwohl ich nur Bahnhof verstehe.“Ich doch nicht, Herr Doktor.“ und wie immer schäme ich mich im Inneren für meinen schleimigen Tonfall. Fühlt sich ein bißchen an wie Fremdschämen. Dabei bin ich mir doch gar nicht fremd. Oder doch? Anscheinend ist der Alte mit meiner Antwort zufrieden, denn schon drückt er meinem Hintermann eins von den zig Dutzend Beutelchen in die Hand, die die zwei Mädels in jeweils einer kleinen Kiste hinter ihm her schleppen. Als sie außer Sichtweite sind guck ich mir die Münzen näher an. Daß das Euromünzen sind, habe ich mittlerweile geschnallt, trotzdem verstehe ich die ganze Aktion nicht. „Das sind die Starterkits,“ erklärt mir mein Kollege, in einem Tonfall, an dem ich raushöre, daß er nicht annähernd so ratlos ist wie ich. Nachhaken werde ich trotzdem nicht, kommt mir eh so vor, als wäre ich mal wieder der Einzige, der hier etwas nicht kapiert.

Es ist halb fünf und ich latsche zur Sparkasse. Ich hab nachgezählt und es befinden sich 10,23€ in dem Beutelchen. Also ca 20 D-Mark. Mein Plan: ich tausche die Euros in D-Mark um. An der Grenze dann D-Mark in Gulden, denn da ist der Kurs eindeutig am besten. Ich bin mir nicht sicher, ob die an der Grenze schon Euros nehmen, denn als Zahlungsmittel startet der Euro ja erst in zwei Wochen. Deshalb bin ich auf dem Weg zur Sparkasse.

Als ich ankomme, muß ich zweimal hingucken- ein Menschenauflauf, ne Schlange von der Eingangstür bis zum Schalter. Meine Fresse, was ist denn hier los? Ich finde einfach keine Erklärung. Ich stelle mich hinten an und ruf Hassi an, mit dem ich später nach Heerlen brettern will, um schon mal abzuchecken, wann es losgehen soll. Ich hab mir bei nem Kollegen weitere 20 geliehen, jetzt kann ich mir mehr als ein Gramm holen. Eigentlich will ich mich nur ablenken, bis die Schlange vor mir abgearbeitet ist. Es gibt für mich nur wenige Dinge, die nerviger sind, als nutzlos in einer Schlange stehen. Beim Einkaufen kann es sogar vorkommen, daß ich lauthals verlange, daß gefälligst ne zweite Kasse aufmachen soll. Und wenn wir auf unseren Hollandfahrten im Stau stehen, empfinde ich fast körperliche Schmerzen. Irgendwann fällt mir auf, daß jeder mit diesem sogenannten Starterkit in der Hand rausmarschiert. Allmählich kapier ich. Ich tippe meinem Vordermann auf die Schulter. „Entschuldigung, wollen Sie zufällig auch dieses Starterpaket mit den Euromünzen?“ Ein Mann Anfang 50, Typ Geschäftsmann schaut mich an. Irgendwas an seinem Blick verrät mir sofort, daß ich mir die Frage hätte sparen können.“Ja, warum?“ „Wenn Sie wollen, können Sie meins haben. Für 20 D-Mark.“ Der Typ guckt mich an, als wollte ich ihm den neuesten Vorwerkstaubsauger andrehen. „Nee danke, kein Bedarf.“ ist seine Antwort. Ich spare mir jeden weiteren Versuch. Ich warte also bis ich endlich dran bin. Als es soweit ist, lege ich mein Starterkit auf meine Seite des Wechselfachs. „Ich hätte gerne 20 D-Mark!“ Der Bankmensch schaut mich fragend an.“Wie jetzt, was wollen Sie?“ „Na, 20 D-Mark hätte ich gern!“, wiederhole ich. Ungläubig ruft er jetzt seinen Kollegen und ich hab schon wieder dieses Fremdschämgefühl, allerdings ganz anders als heut mittag. Der Kollege guckt jetzt so zu mir rüber, als käme ich aus’m Tanni, der Klapse nebenan. „Warum wollen Sie denn das Paket wieder umtauschen?“ Ich erkläre den beiden, daß ich die Münzen von meinem Chef habe, daß ich aber gar nicht so scharf drauf bin und lieber D-Mark will, denn noch haben wir ja 2001. „Das lohnt sich doch gar nicht. Außerdem können Sie theoretisch schon mit dem Geld bezahlen, zumindest in den meisten Läden.“ Jetzt hab ich die Schnauze voll. Sämtliche Leute glotzen mich blöd an und sind außerdem angepißt, weil sie wegen mir noch länger warten müssen. Ich denke nur daran, daß ich hier umgerechnet 25 Gulden vor mir liegen habe. „Hören Sie, geben Sie mir jetzt bitte die 20 D-Mark und dann ist gut. Ist doch nicht Ihre Sache!“ blaffe ich die beiden Bankmenschen an. Und endlich bekomme ich, was ich will. Mir ist jetzt schon klar, daß die sich das Maul über mich zerreißen werden und daß ich in Zukunft nur noch ungern hier rein gehen werde. Aber das ist unwichtig. Als ich aus der Sparkasse rauskomme geht’s mir schon viel besser und meine schlechte Laune ist verschwunden.

Das Ende der Keller-Zeit

img_1723616336484311980 war ich 11 Jahre alt. Eines morgens in der Schule, fragte mich Adi, ob ich Bock hätte nachmittags mitzukommen. Arnegal, zwei Jahre älter als wir, wohnte mit seiner Mutter im Dorf, eine Straße vor der Lüttringhauser Badeanstalt. Deren Keller befand sich seitlich neben der Wohnungstür direkt an der Straße. Man mußte zwei Klapptüren hochwuchten, dann kam eine steile Treppe mit sechs Stufen. Wenn man jetzt links ging, kam man in einen Raum mit Sperrmüll bis unter die Decke,quasi unüberwindbar. Interessant wurde es, wenn man rechts abbog. Arnegal, Adi und ein paar andere Jungs hatten aus einem Loch eine von der Atmosphäre her unvergleichliche Partybude gezaubert. Matratzen, zwei, drei Sessel, Lichtorgel, Anlage- top Voraussetzungen um ungestört Gas zu geben. Das Besondere war, daß es kein Partyraum, sondern wirklich ein Party KELLER war. So ähnlich wie ne kleine Tropfsteinhöhle ohne Tropfsteine. Wenn man längere Zeit da unten war, wußte man nicht mehr, ob es draußen hell oder dunkel, ob geiles- oder Schrottwetter war. Fast ein Jahrzehnt lang war der Keller 24 Stunden am Tag für jeden zugänglich, abgesehen von kurzen Phasen, wenn sich die halbe Straße bei Arnegal’s Mutter beschwert hatte, weil ne Party etwas aus dem Ruder gelaufen war, nicht nur innerhalb der Kellerwände, sondern bis runter zur Badeanstalt. Dann konnte es passieren, daß einige Tage lang ein fettes Vorhängeschloß den Zutritt verhinderte, solange bis sich Arnegal’s Mutter wieder beruhigt hatte. Noch heute ist mir diese Frau ein Rätsel. Ich hab sie immer nur griesgrämig, streng und unnahbar erlebt, gleichzeitig gab sie uns allen die Möglichkeit unsere Jugend auszuleben. Dafür bin ich ihr dankbar, leider ist sie vor vielen Jahren gestorben, ohne daß ich ihr das gesagt habe. Es gibt nicht viele Lüttringhauser, die zwischen 66 und 72 geboren sind, die nicht mindestens einmal im Keller waren. Mit Katrin bin ich fast 30 Jahre später zusammengekommen, aber den Keller kennt sie auch. Letztes Jahr hat sich der harte Kern von damals 35 Jahre nach der „Eröffnung“ getroffen. Dafür schloss Arnegal den Keller nochmal auf. Heute sind Dachziegel seiner Dachdeckerfirma überall gestapelt, die Matratzen sind weg, wir saßen auf alten Turnhallenbänken. Aber die Graffitis von damals sind noch an der Wand ,unter der Decke hängt noch die Alu, die wir damals drangeklebt hatten und der Plattenspieler und die Scheiben waren wirklich immer noch da und liefen natürlich auch den ganzen Abend. Seid dem Tag gibt es die Kellerkinder-whats app-Gruppe.

Mit 11 hatte ich vor allem noch Fußball im Kopf, und das Punkgedönse, mit dem Adi und einige andere damals ankamen, war auch nicht meins. Den ganzen Tag lief Dead Kennedys oder Exploited und das war wirklich nicht die Musik, auf die ich Bock hatte. Aber ich hielt mich zurück, ich war nicht dabeigewesen, als der Keller entstanden war,deshalb hatte ich logischerweise auch nicht mitgeholfen. Arnegal kannte ich nur durch Adi, unterhalten hatten wir uns noch nie und von einer Wellenlänge konnte man auch nicht wirklich reden. Adi und ich waren seit dem ersten Schuljahr in einer Klasse, auch jetzt auf Realschule. Es war von Anfang an so gewesen, daß wir uns topp verstanden, aber nach der Schule waren da nicht viele Gemeinsamkeiten. Kurz gesagt, nach wenigen Wochen war der Keller uninteressant für mich. Das änderte sich ca drei Jahre später. Immer mehr Mädels und immer mehr Alkohol gehörten mittlerweile zum festen Inventar des Kellers, genau das was mich und die anderen Lüttringhauser Jungs, mit denen ich mich verstand, interessierte. Jetzt war der Keller ein Muß. Täglich waren zwischen fünfzehn und zwanzig Teenies beider Geschlechter anwesend, oft auch mehr, die Hormone stauten sich förmlich, sobald man die Klapptüren von innen runterwuchtete. Die ersten Knutschereien und Fummeleien, die ersten Male besoffen sein, das Gefühl dazuzugehören- was gab es mit 14,15 Wichtigeres? Es machte einfach Spaß und es war nie langweilig. Ne geile Zeit! Als Anfang vom Ende dieser Epoche zählt für mich der 20.Oktober 1985. und gleichzeitig der Start in eine andere Zeit, die mich nicht minder geprägt hat. Wir hatten uns schon öfters übers Kiffen unterhalten. Galten Drogen anfangs noch als Tabu, wurde es immer mehr zum Thema, sobald uns die fast schon traditionelle Flasche Apfelkorn freitags nicht mehr schmeckte. Dann kam ich zurück von Klassenfahrt. Ich hatte ne tolle Woche in Südtirol gehabt, nicht nur weil ich das Glück hatte, daß Claudia W. mit der Parallelklasse im Nebenort war. Ich fand sie schon länger scharf und auf ner gemeinsamen Party hatte es sich ergeben, daß wir uns danach abends immer trafen und rummachten. Genau richtig für ne Klassenfahrt. Als ich dann allerdings hörte, daß Dietmar und Markus in meiner Abwesenheit gekifft hatten und wie begeistert sie davon waren, gab es kein Zurück mehr. Ich wollte auch und zwar so schnell wie möglich! Dann war es soweit Dietmar hatte über seinen Bruder ein gutes Gramm Dope klargemacht. Zufälligerweise waren an dem Abend Dietmar, Markus und ich alleine im Keller- allmählich verlor er seinen Reiz, die Tage mit mehr als zehn Leuten wurden immer weniger. Ich weiß noch genau, wir rauchten fünf Stickis. Richtig breit war ich nicht, aber das was ich merkte, reichte aus, um mir sicher zu sein, daß wir das in Kürze wiederholen würden. Nicht umsonst hab ich mir das Datum gemerkt. Ich war sozusagen angefixt. Und so kam es auch, daß es ein paar Wochen später zum Spalt kam. Die Kiffer räumten das Feld und suchten sich andere Orte, wo man unter sich bleiben konnte. Die anderen versuchten die geile Kellerzeit noch eine Weile aufrechtzuhalten, was aber wohl auch nicht mehr richtig gelang. Wir waren keine Teenies mehr und bereit neue Erfahrungen zu sammeln…

Spanien sehen und sterben

 



Mitte der 90er Jahre wurde berichtet, daß man ein Wundermittel gegen Heroinsucht gefunden hätte-die sogenannten Opiatblocker. In der Theorie sah das Folgendermaßen aus: man lasse sich über Nacht in ein künstliches Koma versetzen, danach sich  das Wundermittel Buprenorphin einflößen und schwuppsdiwupps- hat man schon mal den körperlichen Entzug hinter sich.Danach nehme man noch einige Zeit lang täglich ein bis zwei Tabletten Buprenorphin- und auch der Suchtdruck und die psychische Abhängigkeit kann für alle Zeiten ad acta gelegt werden. Die ersten Einrichtungen, die dieses Procedere anboten, waren israelische, kurze Zeit später spanische Krankenhäuser. Kostenpunkt: zwischen Zehn- und Zwölftausend D-Mark . Ich war empört von der-auf der einen Seite schockierenden, fast schon an Dummheit grenzenden Naivität der selbsternannten Suchtwissenschaftlern -und auf der anderen Seite perversen Profitgier der Krankenhäuser, die diesen Nonsens für diese Summe anboten. Natürlich, man konnte uns alle krank nennen. Wenn wir dadurch aus der Illegalität rauskämen, wäre mir das sogar recht, was natürlich bis zum heutigen Tage nie der Fall war. Aber Drogensucht war natürlich auch Lebenseinstellung, und die würde man nicht einfach so ändern, wenn man ein paar Pillen schluckte. Drogenfreie Spießbürger konnten sich nicht vorstellen, daß Junk sogar Spaß machen konnte.

Micha war voll drauf. Sobald wir den Grossteil unserer Kindheit zusammen abgehangen hatten, gingen unsere Interessen mit 16,17 weit auseinander. Während ich meine Drogenkarriere als Hardcorekiffer begann, interessierten Micha vor allem Spielautomaten. Es ging sogar soweit, dass er mit Lölle, seinem Zockerkollegen, der ne Lehre bei ner Bank machte, Kreditkarten fälschte. Ich weiß noch wie ich Micha mal zufällig in der Mittagspause traf, die Taschen voller Hunderter. Grosszügig drückte er mir einen in die Hand, ich solle mir davon was Schönes kaufen. Ein paar Stunden später rief er an und fragte mich doch glatt, ob ich den Hunni noch hätte. Er hatte alles verzockt, die ganze Kohle in Disc oder Supermulti geworfen , oder wie die Zockerkästen damals alle hießen. Leider hatte ich nur ein fettes Piece in der Tasche, aber kein Geld. Kurze Zeit später wurde Lölle bei seiner Bank beim Fälschen gekrallt, was bedeutete, daß auch Micha mit dran war. Zwei Jahre auf Bewährung und 20.000 D-Mark mußte Jeder von Beiden der Bank zurückzahlen. Danach kam die Zeit , in der wir beide unsere erste längere Kiste mit nem Mädel hatten, die zwei Jahre später ungefähr gleichzeitig jeweils endete. Bis dahin war Micha so ziemlich drogenfrei, außer dass er zwei- dreimal gekifft hatte. Im Gegenteil, er konnte nicht verstehen, was mir daran so’n Spaß machte. Das änderte sich, als Pulver ins Spiel kam. Ab jetzt sah es so aus, dass ich irgendeinem Zeug nachjagte und Micha ein paar Wochen später, erst aus Neugier, dann mit großer Hingabe, auf den Zug mit aufsprang. Erst bei Pep, dann in den 90ern bei Heroin. Er fing irgendwann wie ich das Drücken an und kannte dann schon sehr bald keine Grenzen mehr. Nachdem er zweimal bei Aachen mit ein paar Gramm Schore erwischt worden war, gelang ihm noch das Kunststück, eine Strasse von zu Hause entfernt, nach einem Knaller, im Auto einzupennen. Irgendwann schaute jemand aus dem Fenster und sah einen Mann schlafend im parkenden Auto. Als sich demjenigen das selbe Bild noch Stunden später darbot, rief er die Bullen. Ärgerlich war, dass Micha nicht nur das Spritzbesteck , sondern auch den Beutel mit fünf Gramm Heroin auf dem Amaturenbrett liegen hatte. Danach war nicht nur der Lappen weg, sondern der Knast drohte …

Ich traf ihn eines Tages in Lüttringhausen vor der Arztpraxis. Es war knapp zwei Wochen her, dass er es tatsächlich getan hatte.  Ich versuchte noch es ihm auszureden, aber es war schon alles geregelt. Der Flug nach Spanien war gebucht, der Dolmetscher bestellt, das Krankenhaus informiert. Sein Vater hatte Nägel mit Köpfen gemacht und jetzt gab es kein Zurück. Kostenpunkt: Zwölf Mille! Alles war so gewesen wie erwartet, mit dem klitzekleinen Unterschied, daß die Info mit dem künstlichen Koma ne Ente war, zumindest in diesem Krankenhaus, und daß er sich in der schlimmsten Nacht seines Lebens beinah die Lunge aus dem Hals gekotzt hatte. Doch jetzt schluckte er seit vierzehn Tagen artig seine Opiatblocker. „Hast du was am Start?“ fragte er mich. „Klar, ich komm gerade aus Heerlen!“ Ich hatte mein Zimmer auf dem Speicher, über der Wohnung meiner Eltern. Ich kochte die Schore auf und machte jedem von uns ne Pumpe klar. Für Micha nicht ganz so viel, immerhin hatte er ne längere Pause hinter sich. Da er ebenso wie ich beschissene Venen hatte, sollte ich ihm den Schuß setzen. Aber erstmal war ich dran. Diesmal war das Zeug richtig gut, das merkte ich keine zehn Sekunden nach dem Abdrücken. Bevor ich den Rausch genießen konnte, musste ich jetzt erstmal Micha’s Vene finden. Die Pause hatte seinen Armen offensichtlich gutgetan, denn ich traf sofort. Und wieder dauerte es keine zehn Sekunden … Sein Kopf kippte zur Seite, die Pupillen nach oben verdreht. In kürzester Zeit lief seine Haut blau an. Richtig blau … Obwohl mir sofort klar war, daß ich Micha gerade die ultimative Überdosis gedrückt hatte, schüttelte ich ihn wie verrückt. Ein Dutzend Gedanken schossen mir gleichzeitig durch den Kopf. Da stirbt gerade mein Bruder. ICH hab das zu verantworten. Aber auch: Was ist mit Bullen? Oder: die Schore muß weg. Ich stand definitiv unter Schock, völlig überfordert mit der Situation. Wie in Trance ging ich aus dem Zimmer, die Treppe runter und schloss die Wohnung meiner Eltern auf. Im Wohnzimmer sass Pa vor dem Fernseher. Ich glaube, ich erklärte ihm die Situation, ohne dass einmal das Wort „ich“ fiel. Genau erinnere ich mich nicht mehr. Mein Vater blieb völlig ruhig. Während ich den Notarzt rief, ging er hoch und legte Micha in die stabile Seitenlage. Sämtliche Utensilien hatte ich vorher schnell weggeräumt. Als der Rettungswagen eintraf, mussten wir raus aus dem Zimmer. Dann betete ich … Noch Wochen später fand ich irgendwelche Kanülen in meinem Zimmer. Aber sie hatten ihn gerettet … In der Zwischenzeit war Longus vorbeigekommen. Wir fuhren hinter dem Rettungswagen her, bis ins Krankenhaus. Da wusste ich aber schon, daß er es geschafft hatte. Sie wollten ihn trotzdem lieber über Nacht dabehalten. Ich war so fertig, dass ich mir zwischendurch vornahm nie wieder Drogen zu ballern, egal wie das hier ausging. Gegen 21 Uhr sass ich auf meinem Bett und war am aufkochen. „Meinst du, ich könnte mir noch einen machen?“ Micha sass in meinem Lieblingssessel und schaute mich erwartungsvoll an …

Pa hat mich danach nie wieder auf den Tag angesprochen…