Spanien sehen und sterben

 



Mitte der 90er Jahre wurde berichtet, daß man ein Wundermittel gegen Heroinsucht gefunden hätte-die sogenannten Opiatblocker. In der Theorie sah das Folgendermaßen aus: man lasse sich über Nacht in ein künstliches Koma versetzen, danach sich  das Wundermittel Buprenorphin einflößen und schwuppsdiwupps- hat man schon mal den körperlichen Entzug hinter sich.Danach nehme man noch einige Zeit lang täglich ein bis zwei Tabletten Buprenorphin- und auch der Suchtdruck und die psychische Abhängigkeit kann für alle Zeiten ad acta gelegt werden. Die ersten Einrichtungen, die dieses Procedere anboten, waren israelische, kurze Zeit später spanische Krankenhäuser. Kostenpunkt: zwischen Zehn- und Zwölftausend D-Mark . Ich war empört von der-auf der einen Seite schockierenden, fast schon an Dummheit grenzenden Naivität der selbsternannten Suchtwissenschaftlern -und auf der anderen Seite perversen Profitgier der Krankenhäuser, die diesen Nonsens für diese Summe anboten. Natürlich, man konnte uns alle krank nennen. Wenn wir dadurch aus der Illegalität rauskämen, wäre mir das sogar recht, was natürlich bis zum heutigen Tage nie der Fall war. Aber Drogensucht war natürlich auch Lebenseinstellung, und die würde man nicht einfach so ändern, wenn man ein paar Pillen schluckte. Drogenfreie Spießbürger konnten sich nicht vorstellen, daß Junk sogar Spaß machen konnte.

Micha war voll drauf. Sobald wir den Grossteil unserer Kindheit zusammen abgehangen hatten, gingen unsere Interessen mit 16,17 weit auseinander. Während ich meine Drogenkarriere als Hardcorekiffer begann, interessierten Micha vor allem Spielautomaten. Es ging sogar soweit, dass er mit Lölle, seinem Zockerkollegen, der ne Lehre bei ner Bank machte, Kreditkarten fälschte. Ich weiß noch wie ich Micha mal zufällig in der Mittagspause traf, die Taschen voller Hunderter. Grosszügig drückte er mir einen in die Hand, ich solle mir davon was Schönes kaufen. Ein paar Stunden später rief er an und fragte mich doch glatt, ob ich den Hunni noch hätte. Er hatte alles verzockt, die ganze Kohle in Disc oder Supermulti geworfen , oder wie die Zockerkästen damals alle hießen. Leider hatte ich nur ein fettes Piece in der Tasche, aber kein Geld. Kurze Zeit später wurde Lölle bei seiner Bank beim Fälschen gekrallt, was bedeutete, daß auch Micha mit dran war. Zwei Jahre auf Bewährung und 20.000 D-Mark mußte Jeder von Beiden der Bank zurückzahlen. Danach kam die Zeit , in der wir beide unsere erste längere Kiste mit nem Mädel hatten, die zwei Jahre später ungefähr gleichzeitig jeweils endete. Bis dahin war Micha so ziemlich drogenfrei, außer dass er zwei- dreimal gekifft hatte. Im Gegenteil, er konnte nicht verstehen, was mir daran so’n Spaß machte. Das änderte sich, als Pulver ins Spiel kam. Ab jetzt sah es so aus, dass ich irgendeinem Zeug nachjagte und Micha ein paar Wochen später, erst aus Neugier, dann mit großer Hingabe, auf den Zug mit aufsprang. Erst bei Pep, dann in den 90ern bei Heroin. Er fing irgendwann wie ich das Drücken an und kannte dann schon sehr bald keine Grenzen mehr. Nachdem er zweimal bei Aachen mit ein paar Gramm Schore erwischt worden war, gelang ihm noch das Kunststück, eine Strasse von zu Hause entfernt, nach einem Knaller, im Auto einzupennen. Irgendwann schaute jemand aus dem Fenster und sah einen Mann schlafend im parkenden Auto. Als sich demjenigen das selbe Bild noch Stunden später darbot, rief er die Bullen. Ärgerlich war, dass Micha nicht nur das Spritzbesteck , sondern auch den Beutel mit fünf Gramm Heroin auf dem Amaturenbrett liegen hatte. Danach war nicht nur der Lappen weg, sondern der Knast drohte …

Ich traf ihn eines Tages in Lüttringhausen vor der Arztpraxis. Es war knapp zwei Wochen her, dass er es tatsächlich getan hatte.  Ich versuchte noch es ihm auszureden, aber es war schon alles geregelt. Der Flug nach Spanien war gebucht, der Dolmetscher bestellt, das Krankenhaus informiert. Sein Vater hatte Nägel mit Köpfen gemacht und jetzt gab es kein Zurück. Kostenpunkt: Zwölf Mille! Alles war so gewesen wie erwartet, mit dem klitzekleinen Unterschied, daß die Info mit dem künstlichen Koma ne Ente war, zumindest in diesem Krankenhaus, und daß er sich in der schlimmsten Nacht seines Lebens beinah die Lunge aus dem Hals gekotzt hatte. Doch jetzt schluckte er seit vierzehn Tagen artig seine Opiatblocker. „Hast du was am Start?“ fragte er mich. „Klar, ich komm gerade aus Heerlen!“ Ich hatte mein Zimmer auf dem Speicher, über der Wohnung meiner Eltern. Ich kochte die Schore auf und machte jedem von uns ne Pumpe klar. Für Micha nicht ganz so viel, immerhin hatte er ne längere Pause hinter sich. Da er ebenso wie ich beschissene Venen hatte, sollte ich ihm den Schuß setzen. Aber erstmal war ich dran. Diesmal war das Zeug richtig gut, das merkte ich keine zehn Sekunden nach dem Abdrücken. Bevor ich den Rausch genießen konnte, musste ich jetzt erstmal Micha’s Vene finden. Die Pause hatte seinen Armen offensichtlich gutgetan, denn ich traf sofort. Und wieder dauerte es keine zehn Sekunden … Sein Kopf kippte zur Seite, die Pupillen nach oben verdreht. In kürzester Zeit lief seine Haut blau an. Richtig blau … Obwohl mir sofort klar war, daß ich Micha gerade die ultimative Überdosis gedrückt hatte, schüttelte ich ihn wie verrückt. Ein Dutzend Gedanken schossen mir gleichzeitig durch den Kopf. Da stirbt gerade mein Bruder. ICH hab das zu verantworten. Aber auch: Was ist mit Bullen? Oder: die Schore muß weg. Ich stand definitiv unter Schock, völlig überfordert mit der Situation. Wie in Trance ging ich aus dem Zimmer, die Treppe runter und schloss die Wohnung meiner Eltern auf. Im Wohnzimmer sass Pa vor dem Fernseher. Ich glaube, ich erklärte ihm die Situation, ohne dass einmal das Wort „ich“ fiel. Genau erinnere ich mich nicht mehr. Mein Vater blieb völlig ruhig. Während ich den Notarzt rief, ging er hoch und legte Micha in die stabile Seitenlage. Sämtliche Utensilien hatte ich vorher schnell weggeräumt. Als der Rettungswagen eintraf, mussten wir raus aus dem Zimmer. Dann betete ich … Noch Wochen später fand ich irgendwelche Kanülen in meinem Zimmer. Aber sie hatten ihn gerettet … In der Zwischenzeit war Longus vorbeigekommen. Wir fuhren hinter dem Rettungswagen her, bis ins Krankenhaus. Da wusste ich aber schon, daß er es geschafft hatte. Sie wollten ihn trotzdem lieber über Nacht dabehalten. Ich war so fertig, dass ich mir zwischendurch vornahm nie wieder Drogen zu ballern, egal wie das hier ausging. Gegen 21 Uhr sass ich auf meinem Bett und war am aufkochen. „Meinst du, ich könnte mir noch einen machen?“ Micha sass in meinem Lieblingssessel und schaute mich erwartungsvoll an …

Pa hat mich danach nie wieder auf den Tag angesprochen…

 

 

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