Knast (4)

Früh am Morgen stecken sie mich auf die 5-Mann-Zelle, die Sechser sind alle belegt. Kein Vergleich mit dem Loch, in dem ich jetzt über fünf Tage lang mit den zwei Jungs hausen mußte. Ein großer Raum, an beiden Ende je ein Etagenbett. Ich frage den Schließer, wo ich denn pennen soll. Er zeigt auf die Pritsche, direkt neben dem großen Tisch, die mir bis jetzt noch gar nicht aufgefallen ist. So ziemlich die beschissenste Stelle überhaupt. Der kleine Fernseher läuft, obwohl jeder von meinen neuen Zellenkollegen noch am knacken ist. Ich schnapp mir die Fernbedienung und zapp erstmal ne Runde. Wie geil so ne Kiste ist, weiß ich spätestens seit den letzten fünf Tagen, da hätten wir für’n Fernseher so ziemlich alles getan.

Nach und nach werden alle wach. Ein serbischer Zigeuner, ein Türke, ein Russe und ein Deutscher. Nach kurzer Zeit ist klar was Sache ist. Den Russen und den Deutschen kannst du in die Tonne kloppen, zwei arrogante Fatzken, mit denen ich mich in den nächsten Tagen nicht einmal unterhalten werde. Der Zigeuner ist ganz ok, aber dreht sich gerne wie das Fähnchen im Wind, je nachdem wer ihm welche Vorteile bringt. Aber Tuncay ist ein absolut gerader Typ, ich weiß sofort, solang der mit auf Zelle ist, wird es nicht nur lustig werden, der sagt jedem auch ehrlich ins Gesicht, was er denkt. Und nach ein paar Gesprächen weiß ich mal wieder wie klein die Welt ist.

Vor ca fünfzehn Jahren kaufte ich eine Zeit lang Schore bei nem Italiener. Bis die Bullen bei ihm einschneiten. Er machte eine sogenannte Lebensaussage, was bedeutete, daß er alles auf den Tisch legte, um seinen Arsch zu retten. Besser gesagt, statt sechs, bekam er nur zwei Jahre. Was mich als sein Kunde 5000 ( in Worten FÜNFTAUSEND )  D-Mark kostete. Sie hatten sein Telefon abgehört, ich hatte mich aber nie mit meinem Namen gemeldet- den lieferte ihnen der Itaka. Zehnmal bestellte ich am Telefon n Fuffi, insgesamt fünf Gramm. Pro Gramm also n Tausender- ist das nicht toll? Ich könnte heute noch kotzen, wenn ich drüber nachdenke. Ich bin mir sicher, es wurde so teuer, weil ich ihnen Hassi nicht lieferte. Ita-Spacko hatte ausgesagt, daß Hassi und ich immer zusammengekauft hätten, aber zum Glück kannte er seinen richtigen Namen nicht. Als die Bullen den aus mir rauskitzeln wollten, stellte ich mich natürlich dumm, was sie gar nicht lustig fanden. Man muß sich das vorstellen- es ging nicht um irgendeinen Dealer, sondern um einen kleinen Junkie, der sich einfach nur seinen Stoff besorgt hatte. Noch Fragen? Sein Zeug bezog der Itaka damals von einem jungen Türken- sein Name: Tuncay. Die sechs Jahre durfte ER damals abreißen. Natürlich  war sein Haß damals so groß, daß er lange Zeit Rachegedanken hegte und fünfzehn Jahre später hätte er jetzt von mir erfahren können, wo der Typ heute wohnt- Remscheid ist klein, wenn’s um Drogis geht. Natürlich war auch der Spaghetti immer noch drauf. Aber erstens hätte ich es ihm nicht gesagt und zweitens war er mittlerweile selber schlau genug, um zu wissen, daß das nur unnützen Ärger bringen würde. Und manchmal heilt die Zeit eben Wunden. Vielleicht nicht ganz, aber man wird älter und klüger.

Nach zwei Wochen kann man mit ner Einzelzelle rechnen, was natürlich am angenehmsten ist, vorausgesetzt, daß man ne Glotze auf Hütte hat. Aber auch so hab ich mich jetzt ganz gut eingelebt. Alle zwei Wochen ist Einkauf und da ich genau an dem Tag im Knast kam, als es Abrechnung gab, hab ich noch Flocken übrig. Es kann sich kein Schwein vorstellen, wie geil es im Knast kommt, wenn ne Lieferung mit Tabak, Kaffee, Cornflakes, Schokolade, Zeitungen und anderen Sachen ankommt. Dann noch das Feeling, wenn der Schließer vorbeikommt und Post für dich hat- in dem Zusammenhang ist Knast gar nicht soo schlimm, vorausgesetzt man hat nur ein paar Monate abzureißen. Der Nachteil in Wuppertal ist, daß man nur einmal im Monat Besuch empfangen kann. In Remscheid drei- bis viermal. Warum das so ist? Reine Willkür !

Nach zwei Wochen bin ich jetzt auf Einzelzelle. Und das ist dann wiederum ein Vorteil in Wuppertal – ich hab direkt ne Glotze parat. In Remscheid muß man erst n Antrag stellen und dann können irgendwann mal nach zwei, drei Wochen die Verwandten einen vorbeibringen. Warum das so ist? Genau…

Es läuft alles ganz gut. In der Freistunde spiel ich Schach. Noch ne gute Sache, ich liebe Schach und hab’s seit Jahren nicht gespielt, weil ich draußen einfach keinen finde, der Bock hat. Ich kann’s immer noch ganz gut, es macht Spaß ein paar selbsternannten Schachkönigen ihre Grenzen aufzuzeigen. Auf Zelle glotz ich viel fern, lese aber auch viel und schreibe allen Leuten, die ich mag Briefe. Unter anderem erwähn ich auch in einem Brief an Claudia, daß eine Schließerin echt korrekt ist und daß ich fast das Gefühl hab, daß sie mit mir ein bißchen flirtet, aber daß ich ja Katrin hätte.

Ein Tag später schließt ein Beamter meine Zellentür auf und meint ich solle zum Stationsleiter im Büro. Da ich letztens bei dem wegen ner Weihnachtsamnesty vorgesprochen habe, denke ich, daß ich vielleicht Glück habe und er mir die gute Nachricht persönlich mitteilen will. Kaum habe ich die Tür hinter mir zu gemacht, fängt der Typ an zu brüllen.

„Sie sagen mir jetzt sofort von welcher Schließerin Sie in dem Brief gesprochen haben !“

Bis jetzt wollte ich einfach nicht glauben, daß die jeden Brief durchlesen, der nach draußen geht. Aber da hab ich mich wohl schwer geirrt.

„Ich hab in dem Brief gelogen. Ich wollte nur Eindruck machen !“

„Sie wollen mich wohl verarschen. Sie nennen mir jetzt sofort den Namen der Beamtin, ansonsten werden Sie verlegt. Und dann könnte es sein, daß Sie in Bochum, Köln oder Bielefeld landen. Oder noch weiter weg.“

Ich liege wieder in der Drei-Mann-Zelle, in der ich die ersten fünf Tage war, diesmal warte ich allerdings nicht darauf, daß ich auf Station komme, sondern, daß ich in einen anderen Knast verlegt werde. Oh Mann, so eine Scheiße. Und das alles wegen so nem kack Brief. Diesmal bin ich mit zwei Kasachen zusammen, die beide nicht ein Wort deutsch können. Glotze ist auch nicht, Kippen sind noch auf meiner alten Zelle. Lange hab ich mich nicht mehr so elendig gefühlt. Eigentlich wollte mich Katrin morgen besuchen, aber wer weiß in welch anderem Loch irgendwo in NRW ich dann schon häng …

Ein Tag später geht die Zellentür auf und der Sozialarbeiter kommt rein.

„Sie werden .morgen nach Remscheid verlegt.“

Ich kann mein Glück nicht fassen. Erstmal werde ich nachher noch Katrin sehen, um dann morgen zurück in die Heimal verlegt zu werden, wo ich die letzten zwei Monate abreißen kann und wo ich dreimal öfters Besuch bekommen kann als hier. Kaum ist der Sozialmensch verschwunden, schauen mich zwei Kasachen überrascht an- Der deutsche Knasti hat ihnen vor lauter Freude n Schmatzer auf die Wange gedrückt…

 

 

 

 

R.I.P.

Olaf war ein hübscher Junge. Seine braunen, schulterlangen Haare, seine kastanienbraunen Augen, sein glattes Lausejungegesicht, keine 1,70 groß- er hatte etwas,das mir das Gefühl gab, ihn vor Ungerechtigkeiten beschützen zu müssen. Nachdem Krawinkel zweimal pappengeblieben war und daraufhin zur Hauptschule wechselte, kam er in seine Klasse. Ab da an waren wir für ihn die coolen Jungs, zwei Jahre älter als er, am Kiffen, hin und wieder nette Mädels im Schlepptau.

Nach der Realschule wußte ich nichts mit mir anzufangen. Meine Noten waren gut genug, daß ich zum Gymnasium hätte wechseln können um mein Abi zu machen. Aber noch drei Jahre Penne, ohne Kohle zu verdienen, kam für mich nicht in Frage. Mit 16 denkt man leider noch nicht weiter, zumindest ich nicht. Ich jobbte erstmal drei Wochen bei meinem Pa in der Schmiede, um mir meinen Italienurlaub zu finanzieren, den ich mit fünf Freunden in einer Gruppe des Landessportbundes an der Adria verbrachte. Danach war ich immer noch nicht schlauer. Drei meiner besten Freunde hatten sich auf der Höheren Handelsschule angemeldet und die Vorstellung mit den Jungs zusammen in einer Klasse, war mir natürlich sympathisch, ich hatte ja eh keine bessere Idee. Nach drei Monaten wußte ich, daß ich einen Fehler gemacht hatte. Ich verdiente immer noch kein Geld, die Fächer wie z.B. Rechnungswesen, Wirtschaftslehre u.ä. gingen mir schwer auf den Sack und so suchte ich in Zeitungen nach Ausbildungsplätzen im kaufmännischen Bereich, was natürlich ein Widerspruch war, denn die Fächer auf der Berufsschule waren ja die Selben. Aber mir in irgendeinem Job die Finger schmutzig machen, kam für mich noch weniger in Frage und was Besseres fiel mir immer noch nicht ein. Da wir schon Oktober hatten, waren natürlich schon alle Lehrstellen vergeben, aber ich hatte Glück, jemand hatte anscheinend nach zwei Monaten die Brocken hingeschmissen und eine Spedition suchte einen Nachfolger. Ich weiß noch, wie top vorbereitet ich zum Vorstellungsgespräch kam. Ich saß da total bekifft und der Mann fragte mich, ob ich mich in Remscheid mit den Straßen auskennen würde. Ich verstand nur Bahnhof. Erst hinterher erfuhr ich, was Spedition überhaupt bedeutet. Kein Scheiß, ich hatte null Ahnung, daß es was mit Güterverkehr und LKW’s zutun hat, und der Knaller war-ich bekam die Stelle. Jemandem ein Knopf am Ohr labern, wenn ich nicht weiterwußte, war eine Stärke von mir und anscheinend hatte ich trotz allem einen guten Eindruck hinterlassen.

Nach sechs Monaten wußte ich, auch diese Entscheidung war ein Fehler. Als der Drang immer größer wurde mit ner Pumpgun all die Bürospacken plus 80% der LKW-Fahrer umzunieten, war der Punkt erreicht die Sache zu beenden. Es war einfach ein großes Mißverständnis. Mein Pa meinte, ich könne mir aussuchen, ob ich in der Firma, wo er als Schmied und Betriebsratsvorsitzender seit 33 Jahren arbeitete, ne Lehre als Schmied, Schlosser oder Dreher anfang. Da ich auf die ersten beiden Jobs absolut keinen Bock hatte, blieb also Dreher übrig. Bis zum ersten Tag meiner Ausbildung hatte ich weder ne Drehbank gesehen, noch wußte ich, was mich in dem Job überhaupt erwartet. Dafür, daß ich diesen Beruf seit 29 Jahren bis heute ausübe, die allerbesten Voraussetzungen…

Am ersten Tag in der Gemeinschaftslehrwerkstatt in Remscheid, wo man das erste Lehrjahr irgendwie rumkriegen mußte, stand da auf einmal Olaf neben mir. Und zufälligerweise machte er auch eine Ausbildung als Dreher, auch noch in der selben Firma wie ich. Mir war klar, daß wir in den nächsten dreieinhalb Jahren sehr viel Zeit miteinander verbringen würden. Er hatte sich verändert. Das typische Mobbingopfer war er nie gewesen, er war ja auch kein Nerd, aber auf Grund seiner (nicht vorhandenen) Größe, hatte er während seiner Hauptschulzeit von den typischen Assis schon einiges einstecken müssen. Und auch in der GLW war seine hin und wieder große Klappe für viele unakzeptabel. Drückte ich einem Kollegen mal einen Spruch rein, war das in Ordnung, dann bekam ich eben einen zurück, bei Olaf endete das oft in einem handfesten Streit. Man tolerierte einfach nicht, daß dieser junge Zwerg einfach auch nur dazugehören wollte, also wurden einige Kollegen direkt voll aggro, wenn Olaf den Mund aufmachte. Und umgekehrt fühlte auch Olaf sich sofort angegriffen, wenn einer mal einen lockeren Spruch auf seine Kosten losließ. Mehr als einmal mußte ich schlichten, sonst hätte es öfters mal richtig geknallt. Da wir auch im zweiten und dritten Lehrjahr automatisch ständig zusammen abhingen, freundeten wir uns an und 89 machten wir sogar zusammen mit unseren Freundinnen Urlaub auf Malle. Olaf liebte seine Freundin sehr und als sie eines Tages die Beziehung beendete, fiel Olaf in das Liebeskummerloch, in das wohl die meisten jungen Männer irgendwann reinfallen, einschließlich ich selbst (aber das ist eine andere Geschichte).

Ich war jung und hatte damals die Einstellung, wenn jemand Drogen konsumieren will und kennt niemanden außer mir, wo er sie herbekommen soll, dann bitte sehr. Sollte ich mich etwa mit erhobenem Zeigefinger hinstellen und über die Gefahren von Drogen schwadronieren, während ich gleichzeitig keinen Hehl daraus machte, daß mir Drogen Spaß bereiteten? Nein, so eine Heuchelei war mir echt zu blöd. Wir waren alle alt genug und jeder sollte selbst entscheiden, ob man sich darauf einließ.

Und so kam es, daß ich Olaf mit sämtlichen Drogen in Kontakt brachte, die er gerne mal ausprobieren wollte. Ich hatte damals kein Gespür dafür, ob jemand ein hohes Suchtpotential hat oder nicht. Und Olaf war ein Suchtbolzen durch und durch. Schon beim Saufen kannte er keine Grenzen, er hörte erst auf ,wenn er quasi nur noch auf allen Vieren kriechen konnte. Er verlor seinen Lappen, weil er auf 2 Promille vor einem Bullenwagen davonraste und die Verfolgungsjagd erst endete, als er in zwei parkende Autos reinraste.

Kiffen gefiel ihm gut, Heroin war nicht Seins, aber den synthetischen Drogen war er verfallen. Nächtelang auf Pep durchmachen, hin und wieder ne Pappe fressen, vielleicht sogar zwei, das war genau sein Ding. Er lernte Tonja kennen und schwängerte sie nach kurzer Zeit. Dabei liebte er noch seine Exfreundin. Mit der Zeit kam er immer weniger klar-der Liebeskummer, die Verantwortung Vater zu werden, mit einer Frau, die er nicht mal besonders mochte- und ständig der fehlende Schlaf und die übertrieben vielen Drogen. Wir hatten den Facharbeiterbrief längst in der Tasche und Olaf war anfangs gut in seinem Job, besser als ich. Aber als er mit der ganzen Situation überfordert war, wurde er unzuverlässiger. Er kam ständig zu spät, baute Schrott und war in kürzester Zeit untragbar. Zunächst wurde er erstmal nur abgemahnt. Seine Tochter war jetzt ein Jahr alt, und immer öfters mußte er darum kämpfen sie hin und wieder sehen zu dürfen, zwischen Tonja und ihm war nur noch Abneigung übriggeblieben. Dann verlor er seinen Job, nachdem er eine Woche lang unentschuldigt gefehlt hatte. Ich war damals schon heftig auf Heroin und hatte mit mir selbst genug zu kämpfen, Olaf’s Probleme bekam ich nur so nebenbei mit, und als ich ihn jetzt nichtmal mehr auf Arbeit sah, hatten wir fast gar keinen Kontakt mehr.

Wenig später erzählte mir jemand, daß Olaf im Tanni wäre, der Klapse in unserem Ort. Ich war nicht wirklich überrascht, es war abzusehen, daß er in einer tiefen Depression gelandet war. Ich nahm mir vor ihn in ein paar Tagen mal zu besuchen.

Noch bevor es dazu kam, hatte Olaf am darauffolgenden Wochenende Ausgang bekommen. Anscheinend rief er Tonja an und bat sie, die Kleine sehen zu dürfen. Ich gehe davon aus, daß sie ihm die Möglichkeit verwehrte.

Es ist früher Abend. Olaf geht zur Tankstelle und kauft sich einen Kanister voll mit Benzin. Er legt fünfzehn Minuten Fußweg bis zu seiner Wohnung zurück. Wenige Minuten später hören die Nachbarn laute Schreie aus seiner Wohnung. Der Rettungswagen wird alamiert. Kurz vorher kippt Olaf das Benzin über sich aus und zündet sich an. Er stirbt im Rettungswagen.

Es ist der 1.Dezember 1994.

 

 

 

Eine von diesen Nächten

Vier Uhr, die Lichter gehen an, die Musik aus- wie immer ein abturnendes Gefühl. Bis eben war noch alles cool, ein Mädel, das ich noch nie gesehen habe, meinte vorhin sogar, daß mein Tanzstiel geil wäre und ich glaube nicht, daß sie mich verarschen wollte. Ich hab’s nämlich voll drauf, die Amphetamine in meinem Blut bewirken zumindest, daß ich genau das ausstrahle. Aber jetzt, von einer Sekunde auf die andere, verabschiedet sich mein Selbstbewußtsein, die Mädels sehen im Hellen auch nicht mehr so toll aus und eigentlich will ich hier nur noch ganz schnell raus. Mikey hat soviel Wodka gesoffen, daß die Wirkung des Alks die Herrschaft über seinen Körper übernommen hat. Das halbe Gramm Pep vorhin, hätte er sich schenken können. Wahrscheinlich hätte er dann 50€ gespart, mit dem gleichen Ergebnis. Eigentlich hatte sich der Abend eh schon erledigt, aber dann geschah mal wieder etwas Unerklärliches, was eigentlich nur einem Drogi passieren kann.

Den ganzen Abend hatten wir versucht irgendwo her ein bißchen Speed aufzutreiben. Die Stammconnecs hatten nichts, und die Leute, von denen wir wissen, daß sie sich auch gerne mal das Näschen pudern, konnten uns auch nicht helfen. Dann fuhren wir gegen elf ins Deja, um uns einen zu kippen, aber nach dem ersten Wodka hatten wir schon keinen Bock mehr. Was will man machen, wenn man eben ein Drogi und kein Alki ist? Das Ganze soll ja schließlich Spaß machen, oder nicht? Wir verpißten uns also und da wir zu Fuß unterwegs waren, gingen wir noch zwanzig Minuten Richtung Haddenbach, wo Mikey ganz in der Nähe seine Hütte hat.

Es ist 0 Uhr. Wir verabschieden uns und Mikey ist gerade außer Sichtweite, als neben mir ein BMW hält. Ein junger Typ, Türke oder Albaner schätze ich, den ich noch nie zuvor gesehen habe, kurbelt sein Fenster runter. „Bist du zufällig auf der Suche nach Pep?“

Wir treffen uns bei mir in der Wohnung. Mikey hat sich auf seine Karre geschwungen und ist sofort zu mir gehackt. Zuerst dachte er, ich wolle ihn verarschen, er schaut immer noch ungläubig auf den Beutel mit den ca 100 Gramm Amphetaminen, die der Albaner (nicht Türke) auf den Tisch geknallt hat. Als ich ihn frage, wie er dazu kam mich mitten in der Nacht einfach so auf der Straße anzulabern, meint er bloß, er hätte bei mir so’n Gefühl gehabt (was immer er damit meint). Er sieht zwei uralte Handys auf meinem Schrank liegen, die schon ewig im Arsch sind. „Wieviel Gramm willst du für die Handys haben?“ Hinterher schreibt er mir noch seine Handynummer auf einen Zettel, den ich aber, war ja klar, irgendwo verliere. Bis zum heutigen Tage hab ich den Typ nie wieder gesehen.

Also sind wir dann doch wieder ins Deja, und-wen wundert’s-diesmal lief auch der Wodka.

Mikey will noch irgendwas machen und mir ist natürlich auch nicht nach pennen. „Laß uns nach Wuppertal, ich geb uns ne Nutte aus.“ Wir steigen ins Taxi, Piet, ein alter Kollege von Mikey, kommt auch noch mit. In der Nähe des Bayer-Werks steigen wir aus. Hier kennt Mikey gleich zwei Privatpuffs, nur von vier, fünf Wohnhäusern getrennt. Als wir eintreten, empfangen uns drei leicht bekleidete Damen. Die Oberhure, locker über 50 und alles, nur nicht attraktiv, empfängt Mikey herzlich. Man scheint ihn zu kennen. Die Zweite macht mir einen zu abgewichsten Eindruck, die Dollarzeichen in den Augen. Die Dritte ist nett, fast schüchtern. Mikey verzichtet, er ist viel zu breit, Piet hat von Anfang an ein Auge auf die Zweite- also bleibt für mich die Nette. Die olle Puffmutter ist natürlich kein Thema. Machen wir’s kurz- ich krieg keinen hoch, immerhin unterhalten wir uns gut- kostet Mike ja auch nur n Fuffi. Piet ist hinterher total verliebt in seine Schnalle (bin mir sicher auch bei ihm ging nichts), er redet davon sie von der Prostitution zu befreien. Mikey und ich versuchen ihm klarzumachen, daß die Frau überhaupt kein Interesse daran hat, aber Piet läßt sich davon nicht abbringen. Übrigens hat Piet schätzungsweise auch an die 2 Promille. Nachdem Mikey den Hunni abgedrückt hat, bestellen wir ein Taxi Richtung heimwärts.

Mitten auf der Fahrt höre ich auf einmal wie Mikey dem Fahrer anordnet zum Champagne zu fahren, dem Bordell zwischen Remscheid und Solingen. Natürlich haben Piet und ich gelogen und ihm von ner geilen Nummer erzählt, die wir hinter uns haben, und jetzt ist er selber doch noch auf den Geschmack gekommen. Der Fertige.

Im Champagne ist nicht mehr viel los, immerhin haben wir 6 Uhr morgens. Ein Mädel ist mit nem Typen auf Zimmer ne Nummer schieben, ansonsten ist nur noch Biggy am Start. Aber Biggy ist nicht nur ziemlich geil, sondern auch echt cool drauf. Ich merke sofort, die Frau hat Humor. Piet ist schon im Taxi weggepennt und auch jetzt hängt er gleich mit dem Kopf auf der Theke. Mikey fragt Biggy, was ne halbe Stunde kostet und sie antwortet doch glatt: „Eigentlich geht um die Uhrzeit gar nichts mehr, aber wenn dein Kollege hier mitkommt, können wir gerne drüber sprechen.“ Wow, ich glaube ich hör nicht richtig. „Kannst du denn überhaupt noch? Du hast doch gerade.“ Mikey schaut mich fragend an. „Och, kein Thema, du weißt doch, auf Pep ist alles anders ! Problem ist, ich bin immer noch pleite…“ „Und ich hab immer noch genug Kohle dabei. Dann also n Dreier…“

Ich hab noch nie zusammen mit nem Kollegen ne Frau gevögelt, bin mal gespannt, was dabei rauskommt. Schon auf dem Weg ins Zimmer steckt Biggy mir ihre Zunge im Hals. Ungewöhnlich für ne Hure, zumindest nach meinen Erfahrungen. Auf dem Zimmer sagt sie zu Mike, er solle sich beim Ausziehen Zeit lassen. Sie macht meine Hose auf, holt meinen Schwanz raus und fängt an zu blasen. Nach wenigen Sekunden sehe ich wie Mike aus dem Zimmer stürmen will, aber nur bis zur Türe kommt, wo er alles vollkotzt. „Fuck, sorry…Für mich hat sich das Vögeln erledigt, mir geht’s hundeelend.“ „Ich mach den Scheiß nachher weg, mach einfach die Tür hinter dir zu.“ Und schon bläst sie weiter.

Eine Stunde später sitzen wir im Taxi, diesmal fahren wir wirklich nach Hause. „Und, geht’s dir besser?“ „Naja, abgesehen davon, daß ich für Nutten und Taxi knappe 300 Schleifen los bin, ohne selbst zum Schuß gekommen zu sein, geht’s mir wieder gut. Und Dir?“ „Kann mich nicht beschweren, von mir aus können wir das demnächst wiederholen… !“

Hank’s Enkel

FB_IMG_1466811899286Es gibt Autoren, die zu einer Zeit geboren wurden, in der sie von Kindheit an auf sich alleine gestellt waren. Weder erfuhren sie die Liebe der Eltern, noch kannten sie materielle Freuden in Form von Smartphones, Laptops, Fernseher, oder -wie wir in den 70ern Matchboxautos, Carrera- oder Eisenbahnen, Plattenspieler etc. Aber die Sehnsüchte, die Träume unterschieden sich nicht groß von unseren heute. Vielleicht hatten die Umstände der Armut damals sogar den Vorteil, die Unzufriedenheit besser in Worte verpacken zu können, natürlich vorausgesetzt, daß Talent vorhanden war. Und davon war bei einigen reichlich vorhanden. Es würde zu lange dauern, alle Autoren aufzuzählen, die damals für große Literatur sorgten.

Ich erlebte eine glückliche Kindheit. Nicht nur, daß meine Eltern mich mit Liebe überhäuften, mir wurden auch fast alle materiellen Wünsche erfüllt. Selbst in den Jahren der Nachkriegszeit aufgewachsen, hatten meine Eltern die Einstellung, daß es ihren Kindern besser gehen sollte. Wir sollten auf nichts verzichten, und wenn das für Pa Überstunden bedeutete und Ma sich den ganzen Tag alleine um zwei nörgelnde kleine Kinder kümmern mußte, dann war das eben so. In meiner Jugend genoß ich alle Freiheiten, vielleicht sogar noch mehr als meine vier Jahre ältere Schwester, die sich sicher sein konnte, daß Pa noch wach war, wenn sie spätabends oder sogar nachts nach Hause kam. Väter und Töchter eben. Auch mit meiner Sis verband mich ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis- bis sie eine eigene Familie gründete und ich drogensüchtig wurde.

Ich hab keine Ahnung, wieviel schlaflose Nächte meine Mutter vor allem während meiner Heroinzeit hinter sich gebracht hat. Aber egal wieviel Scheiße ich auch baute, meine Familie stand mir immer bei. Wenn ich zur Entgiftung nach Langenberg oder Bergisch Gladbach mußte, dann fuhr mich? Mein Vater. Als ich in den Knast kam, fuhr mich? Mein Vater. Wer holte mich nach meiner Haftzeit ab? Mein Vater. Wer besuchte mich in Therapie? Meine Eltern, später meine Schwester. Wer besuchte mich im Knast? Meine Eltern, später meine Schwester.

2011 kam ich mit Katrin zusammen. Nicht nur, daß sie mir jeden zweiten Tag schrieb, als ich im Knast war, sie besuchte mich auch so oft es nur irgendwie ging. Sie kümmerte sich um Schnucki und ich wußte, daß ich mir um nichts Sorgen machen muß. Ihr Sohn und ihre Tochter sind tolle Menschen, mit denen ich mich super verstehe. Und ihre jeweiligen Partner mag ich auch. Vor 14 Monaten bekam Tascha, Katrin’s Tochter, eine Tochter. Da der Vater von Katrin’s Kindern 2013 leider plötzlich verstarb, fühle ich mich als Opa. Fest steht, ich liebe die Kleine, sie ist ein Riesengeschenk.

Alles in allem bin ich ein Glückskind. Mit meinen Eltern verstehe ich mich perfekt. Daß beide auf die 80 zugehen und eines Tages in nicht allzu ferner Zukunft gehen werden, blende ich gerne aus. Mit meiner Schwester habe ich ein supergeiles Verhältnis. Vor 20 Jahren hatten wir mal eine kurzfristige Phase, wo ich ihr aus dem Weg ging. Sie ist sehr gerade und sagt einem, was sie denkt und zu der Zeit konnte ich die Wahrheit schwer ertragen. Heute schätze ich diese Eigenschaft umso mehr. Ihre Kinder, meine Nichte und mein Neffe mag ich auch sehr. Seit fünf Jahren habe ich eine zweite Familie. Ein Glücksfall für mich, alles tolle Menschen. Mit Katrin habe ich eine Partnerin, der ich zu 100% vertraue, der ich immer alles erzählen kann. Ich fühle, daß sie mich liebt, mit all meinen Fehlern. Sie ist intelligent, sie hat Humor und ist sehr tolerant. So etwas wie Neid oder Mißgunst, auch unter Frauen, sind ihr völlig fremd. Und: ich liebe sie ! Hätte nicht gedacht, daß ich das jemals sagen würde, aber ich könnt mir vorstellen, mit ihr gemeinsam alt zu werden.

Vor drei Monaten meinte Hassi „Google mal Studio Glumm, könnte dir gefallen.“ Hassi, der keine fünf Bücher in seinem Leben gelesen hat. Das Hanfblatt war seine Lektüre. Was für ein Tipp ! Ich las die erste Geschichte, setzte mich im Bus, fuhr zum Thalia und wollte gleich alle Bücher bestellen, die dieser Glumm jemals geschrieben hat. Es gab keine. Erst langsam kapierte ich- Glumm ist ein Blogger und schreibt nur im Netz. Bis dahin hatte ich mich noch nie mit Blogs beschäftigt. Ich googlete nochmal und studierte seine Seite. Die zweite Geschichte war wieder genial. Abgesehen von seinem Schreibstil, waren noch andere Dinge sehr interessant. Er kommt aus Solingen, meinem Nachbarort. Die literarischen Helden in seiner Kindheit waren u.a. John Fante und Charles Bukowski, ebenso wie meine. Aber das Faszinierenste: seine Geschichten handelten von MEINEM Leben, sie hätten genausogut von MIR sein können. Mein erster Kommentar war: „Glumm ist ein Seelenverwandter !“ Damit war eigentlich alles gesagt. Aber je mehr Geschichten ich von ihm las, desto mehr schrieb ich in den Kommentaren über mich und meine Erfahrungen. Als ich mich dafür entschuldigte, antwortete er, daß das völlig in Ordnung wäre und später fragte er mich sogar, ob ich nicht auch schreiben wolle. Er inspirierte mich nicht nur, er motivierte mich auch. Aber noch fehlte mir das Selbstvertrauen. Dann las ich ein Interview mit Glumm, in dem er bedauerte, daß nicht mehr Menschen von der Möglichkeit des Bloggens Gebrauch machen würden und welche Freiheit ein Blog bietet. Das war der Moment, in dem ich mich entschied zu schreiben. Zudem hatte er vorher angedeutet, daß ich mit ihm schonmal einen Stammleser hätte (was er auch gehalten hat). Und was gibt es für ne bessere Voraussetzung als seinen aktuellen Lieblingsautor als Leser zu haben? Ich habe nicht den IQ von Airen (Schriftsteller und ehem.Blogger), nicht das Talent eines Glumms, aber ich habe ein paar Geschichten zu erzählen. Wie übrigens 99,9% aller Menschen.

Um nochmal auf den Anfang zu kommen- natürlich vergleiche ich mich nicht mit den großen Schriftstellern von damals und auch nicht mit einigen richtig guten Schreibern  im Netz, aber nachdem ich das Feedback bekam, daß eine Handvoll Menschen meine Geschichten gefallen, fühle ich mich bestätigt mit dem Schreiben angefangen zu haben. Ganz abgesehen davon, daß es Spaß macht und meiner Vergangenheit eine gewisse Bedeutung gibt.

Ich widme meine Geschichten  zum einen den Menschen, die darin vorkommen. Zum Zweiten den Menschen, die ich liebe und die mich lieben. Und als Letztes Andreas Glumm, ohne den ich mit dem Schreiben niemals angefangen hätte.

Die Bitch und der Psycho

Als sie mir die Tür aufmacht, ist sie nur mit einem ziemlich kurzen Bademantel bekleidet. Eher ein Badejäckchen. Die rote Mähne scheint etwas gestutzt, steht ihr aber gut. Sie preßt ihre Brüste an meinen Körper, während sie mich zur Begrüßung umarmt. Sie lächelt mich an. Diese Masche hat sie perfektioniert, von der ersten Sekunde flirtet sie einen an- und ich hab direkt n Ständer.

„Ich war mich gerade am Umziehen, muß nochmal kurz weg. Du kannst hier solang warten.“

„Wohin mußt du denn?“

„Zu Gabriel. Ich hatte dem meine Fahrkarte geliehen und die brauch ich morgen.“

„Erzähl mir nicht, daß der dir immer noch nachjagt- und daß du immer noch Kontakt zu dem Psycho hast.“

„Was soll ich machen? Ich kenn den seit 20 Jahren. Außerdem hat er ne gute Coca- Quelle…“

„Naja- mußt du selber wissen.“

Andrea war die erste Frau, mit der ich nach der Therapie mein Sexcomeback feierte, durch den ganzen Junk war es ewig her. Vor einigen Jahren hatte sie mal ein Techtel mit Sajo gehabt, dem alten Bosnacken, und als ich sie im Deja auf der Tanzfläche wiedererkannte, quatschte ich sie einfach an. Sie gab mir ihre Handynummer und nach dem zweiten Treffen landeten wir in der Kiste. Danach lief zwei, drei Wochen was mit uns, bis sie irgendwo in der Nähe von Bonn einige Zeit lang arbeiten mußte und dort einen besseren Stecher kennenlernte. Ein knappes Jahr später liefen wir uns wiedermal im Deja über’n Weg. Vor den Klos knutschten wir ziemlich heftig rum und seitdem hat es sich so ergeben, daß ich alle paar Wochen zu ihr nach Remscheid fahre. Dann rauchen wir meistens ein Blech zusammen und falls ich dann bei ihr penn, schieben wir hinterher noch ne Nummer. Kann passieren, muß aber nicht. Heute sollte es allerdings, denn seit sie mich vorhin reingelassen hat, bin ich spitz wie Lumpi. Am Besten VOR dem Schorerauchen, was allerdings noch nie vorkam- denn Blech geht vor Sex!

„Sorry, hat was länger gedauert. Bin noch ne Runde mit Charly gegangen.“

Als sie nach ner Stunde zurückkommt, ist von ihrer Flirtlaune nicht mehr viel übrig. Im Gegenteil, sie redet kaum, was für sie völlig untypisch ist. Was soll’s, dann werd ich halt nachher verschwinden, SO nötig hab ich’s auch nicht. Allerdings frag ich mich schon, warum ich überhaupt vorbeikommen sollte und sie mir vorhin an der Tür gleich schöne Augen gemacht hat. Es kommt schonmal vor, daß sie besonders locker drauf ist, wenn sie weiß, daß ich n fetten Bubble dabei hab, aber heute hatte SIE MICH angerufen und nachdem ich ihr sagte, daß ich nichts hab und eigentlich auch nicht mehr vor hab aus dem Haus zu gehen, meinte sie, daß sie mir gerne einen streuen würde. Sonst wäre ich heut gar nicht aus dem Arsch gekommen und jetzt sehe ich auch nicht ein, daß ich abhau, bevor sie nicht das Pulver auf den Tisch legt. Fragen will ich sie allerdings auch nicht. Zumindest NOCH nicht.

„Würdest du heute Nacht bei mir bleiben? Ich will nicht alleine sein.“

Damit hatte ich jetzt gar nicht gerechnet.

„Was ist denn los mit dir? Kann ich gerne machen, wenn du unbedingt willst.“

„Keine Sorge, ich will dich nicht zum Sex nötigen. Fänd einfach schön, wenn du hierbleibst.“

„Och, ich würde sicher kein Trauma davontragen. Aber ernsthaft: wenn du keine Lust hast zu vögeln, ist das völlig ok. Ich wunder mich nur ein bißchen. Wenn du über irgendwas quatschen willst, du weißt glaub ich, daß ich zuhören kann.“

„Nee, ist echt alles ok bei mir.“

Wir haben ein bißchen geraucht, aber Andrea ist immer noch irgendwie angespannt. Auf einmal hämmert jemand von außen volles Rohr gegen die Wohnzimmerfensterscheibe. Kraß- lange habe ich mich nicht mehr so erschrocken. Charly, Andrea’s Schäferhund/Irgendwas-Mischling fängt an zu bellen. Da die Jalousien unten sind, sieht man nichts, aber bei der Aktion hat derjenige einen Teil der linken Seite abgerissen. Erst jetzt fällt mir auf, daß Andrea’s Augen angsterfüllt sind.

„Was war das denn für ne Scheiße?“

„Fuck! Dieses kranke Arschloch! Ich hab echt Schiß!“

Und jetzt rückt Andrea mit der Sprache raus. Als sie vorhin bei Gabriel war und ihm erzählte, daß ich in ihrer Bude auf sie warte, ist der Typ wohl voll abgedreht. Als Erstes hat er sie die Treppe runtergeschubst. Sie zeigt mir einen fetten Bluterguß an ihrem Oberarm, den sie vorher mit ihrem Shirt verdeckt hatte. Dann hat er sie noch gewürgt und sie als dreckige Hure beschimpft. Auf dem Tisch stand ne leere Flasche Wodka.

„Wie hat denn Charly reagiert?“

„Als er mich verteidigen wollte, hat der blöde Wichser ihn getreten. Du kennst Charly- der tut keiner Fliege was, der hatte selber total Angst.“

Mit Anfang 20 war Andrea mal kurz mit Gabriel zusammen. Sie merkte schnell, daß der Typ ein Alkproblem hat und ne tickende Bombe ist. Später kam der Typ auf harte Drogen. Er überfiel ne Bank mit vorgehaltener, scharfer Knarre, wurde gekrallt und saß sieben Jahre ab. Danach wurde er erst recht gewalttätig. Immer wieder Knastaufenthalte wegen Körperverletzung, unter anderem vier Jahre, weil er jemanden mit nem Messer schwerverletzt hatte. Bekloppt wie sie ist besuchte Andrea ihn ab und zu „er hat doch sonst niemanden…“, er machte ihr immer wieder Heiratsanträge, natürlich kapierte er nicht, daß sie nicht mehr von ihm wollte. Ich habe mehr als einmal versucht ihr begreiflich zu machen, daß der Kerl irgendwann gefährlich für sie werden könnte, aber sie war der Meinung, daß er es jetzt kapiert hätte, daß sie nur gute Freunde wären.

Der Abend ist natürlich gelaufen. Wer weiß, wozu der Typ noch fähig ist. Und richtig- knapp eine Stunde später wiederholt sich die Scheiße. Zuerst wird von außen an der Jalousie gerissen, danach feuert er ne leere Flasche Bier gegen die Scheibe, die aber zum Glück hält. Es reicht ! Andrea ruft die Bullen, die auch nach kurzer Zeit auf der Matte stehen. Wir erklären den Sachverhalt. Nach ca 20 Minuten rufen Sie an und unterrichten uns, daß sie ein paarmal die umliegenden Straßen abgefahren wären, daß sie Gabriel aber nirgends gesehen hätten, zu Hause wäre er auch nicht.

Wieder ne Stunde später. Andrea fällt auf einmal auf, daß an der kaputten Jalousie ein Zettel hängt. Sie öffnet das Fenster und schnappt ihn sich. Darauf steht, daß sie zwar eine dumme, asoziale Bitch ist, daß sie aber vor ihm nichts zu befürchten habe. Mich dagegen würde er platt machen, sobald er mich in die Finger bekommt. Und wir könnten noch zehnmal die Bullen anrufen, es wäre nur ne Frage der Zeit. Na Klasse, fühlt sich echt toll an, wenn so’n Geisteskranker hinter einem her ist. Hat sich echt gelohnt heut hier hinzufahren. Außer die paar Bahnen vorhin, haben wir in den letzten Stunden nichtmal mehr Schore geraucht. Wir fühlen uns wirklich wie gelähmt.

Die Uhr zeigt Ein Uhr nachts und uns erwartet die nächste Runde. Während dieses kranke Schwein immer und immer wieder wie bekloppt von außen gegen die Scheibe haut, ruft Andrea einmal mehr die Bullen. Mittlerweile ist sie nur noch ein Nervenbündel und sie schreit in den Hörer, daß sie sich bitte beeilen sollen. Kurz drauf- vor etwa zwei Minuten hat er sich verpißt- sehen wir wie zwei Bullenautos anhalten.

„Wir haben ihn oben an der Ecke aufgegriffen. Wir werden ihn bis morgen früh in Gewahrsam nehmen. Ihnen ist es überlassen, ob sie Anzeige erstatten.“

Wir rauchen uns noch einen, auf’s Vögeln ist uns beiden nicht nach. Wäre schon toll, wenn wir es schaffen, irgendwann gleich ein bißchen zu pennen.

Am Morgen fragt sie mich allen Ernstes, ob es für mich in Ordnung wäre, wenn ich mit Charly mal eben ne Runde dreh, immerhin war der Arme seit gestern Abend nicht mehr draußen. Ich denke, daß eigentlich ja ich derjenige bin, der Panik schieben müßte. Aber ich verkneife mir jeden Kommentar. Ich vertraue darauf, daß Gabriel entweder noch in Gewahrsam ist oder aber allmählich wieder bei klarerem Verstand, falls das überhaupt möglich ist. Alle zwei Meter drehe ich mich um, aber alles verläuft reibungslos. Ich liefer Charly bei Andrea ab und mach mich aus dem Staub, ab nach Hause.

Ein Jahr später treff ich Andrea im Deja. Wir haben uns länger nicht gesehen und unterhalten uns kurz. Sie erzählt mir, daß sie mit ein paar Freunden auf Sauftour ist. Nachdem um vier Uhr die Lichter angehen, stehen ca zwanzig Frauen und Männer draußen und warten auf’s Taxi. Unter anderem auch Andrea mit ihren Leuten.

„Taxi kommt jetzt, hab gerade angerufen.“, sagt einer von ihren Freunden und steckt das Handy in die Tasche. Als er mich sieht, nickt er mir kurz zu. Es sieht so aus, als kenne er mich zwar irgendwoher vom Sehen, aber anscheinend hat er keinen Schnall in welche Ecke er mich einordnen soll. Es ist Gabriel.

Therapie (4)

Rollenspiel im Plänum : Artelt ist die sprechende Droge, wir sind wir. Zunächst melden sich ein paar  Übertherapierte. Der Dialog sieht Folgendermaßen aus:

„Kauf mich, ich will dir helfen!“

„Geh weg, du zerstörst mein Leben!“

Ich könnte kotzen. Hört sich an wie abgelesen, nach den ersten zwei Sätzen hör ich nicht mehr hin und mache dicht. Ansonsten krieg ich noch schlechtere Laune als ich eh schon hab. Der 3er Ausgang ist geknickt und jetzt teile ich mir mein Zimmer mit Dongus, einer von den Bekloppten. Anscheinend soll der n Auge darauf haben, daß ich schön lieb bin. Und auf Küche hab ich auch keinen Bock mehr, auch wenn es da zuletzt ganz gut lief.

„So, jetzt setzen SIE sich mal neben mich.“

Na toll ! Ich setze mich neben Artelt, obwohl ich echt keine große Lust auf den Scheiß hab.

„Na, willst du ein bißchen Spaß?  Dann nimm mich. Du mußt aber erst bezahlen.“

„Kein Thema, Kohle mach ich klar!“

„Ich bin aber richtig teuer!“

„Das bist du mir wert, echt kein Problem!“

„Könnte aber sein, daß deine Familie und deine Freunde mit mir nicht klarkommen…“

„Das ist deren Problem. Ich red denen auch nirgendwo rein.“

„Dir muß aber klar sein, daß ich den ganzen Tag deine Aufmerksamkeit brauche!“

„Das verdienst du auch, immerhin gibst du mir richtig viel!“

„Denk dran, ich lasse keinen Raum für andere, irgendwann bist du ganz allein.“

„Aber DU wirst da sein, in guten wie in schlechten Zeiten, oder nicht?“

„Ich will vor allem dein Geld und deine Zeit- du mußt mich füttern. Und wenn du nichts mehr hast,  zeige ich mein anderes  Gesicht. Das wird dir ganz sicher nicht gefallen. Ich sauge dich aus!“

„Wenigstens bist du ehrlich und spielst mir nichts vor. Aber ich muß abwägen- am Besten ich red mal mit meinem Therapeuten…“

Die Übertherapierten schütteln den Kopf.

„Was willst du eigentlich hier, wenn du Drogen so geil findest?“

„Die Frage muß lauten, was willst DU hier, wenn du Drogen so SCHEISSE findest!“

Die Diskussion läuft- und Artelt hat sein Ziel erreicht.

„Natürlich finde ich Drogen geil, sonst wäre ich wohl nicht süchtig geworden. Es sind vor allem die Umstände, die mich fertigmachen. Daß ich von der Gesellschaft kriminalisiert werde, daß man das Zeug nicht ganz normal wie z.B. Alk irgendwo kaufen kann, für einen bezahlbaren Preis.Daß ich mit einem Bein immer im Knast bin und Schulden am Arsch habe. Und natürlich sind mir auch die anderen Nachteile bewußt. Daß ich im Sommer seit Jahren langärmlig rumlaufe, weil meine Arme hinüber sind. Daß ich nur noch mit dem Arsch zu Hause häng, weil ich auf nichts anderes mehr Bock habe. Daß mich Frauen kaum noch interessieren, weil ich eh keinen mehr hochkriege. Daß ich an der Drehbank wegpenne, weil ich nachts nicht in den Tiefschlaf komme. Jeden unnötigen Konsum finde ich von meinem Denken her Scheiße. Ihr redet immer von Ambivalenz. Warum eigentlich? Weil Euch bei eurer Therapie Sprache einer abgeht? ICH bin unentschlossen, ihr ja anscheinend nicht. Ihr könnt nach Hause gehen, euch kann die Schore und das Koks und die Pillen anscheinend ja nichts mehr anhaben, so straight wie ihr hier groß rumkotzt!“

Während zwei, drei Luschis rot anlaufen, denen ich sowieso besonders sympathisch bin – die mir allerdings auch – sehe ich aus den Augenwinkeln ein Lächeln auf Artelt’s Gesicht. Oder ist es eher ein Grinsen?

Abends zocke ich ne Runde Schach mit der Nachtwache. Ich gewinne zweimal und bin mächtig stolz, immerhin studiert das Mädel Mathe, obwohl ich natürlich weiß, daß das gar nichts zu sagen hat. Ich muß mir ganz schnell den 3er zurückholen, weiß aber genau, solange die mir zutrauen, daß ich hier Alk oder Drogen reinschmuggel, kann ich das vergessen. Zum ersten Mal denke ich darüber nach, mich zu verstellen und auch einen auf ICH HASSE DROGEN zu machen. Aber dann könnte ich wirklich gleich nach Hause fahren. So ein Fuck !

Ein Tag später stehen wir zu sechst auf dem Flur und warten darauf, daß uns jemand die Tür zum Kleingruppenraum aufschließt. Artelt geht mit seiner Gruppe in den Nebenraum, kommt aber nochmal raus und schließt auf.                                                                                                    „Frau Franke kommt ein paar Minuten später.“ Er zupft mich am Ärmel.“An Ihrer Stelle würde ich heute mal den 3er ansprechen!“ „Wie jetzt? Mein Alkrückfall ist gerade mal ne Woche her. Den gibt sie mir doch niemals. Womit soll ich denn argumentieren? Die lacht mich doch aus“ „Also da müssen Sie schon von selbst drauf kommen. Sie sind doch sonst nicht auf den Mund gefallen. Aber wenn Sie nicht wollen…“

Eine Stunde später hab ich meinen Ausgang zurück. Als die Übertherapierten davon erfahren, von denen unsere Kleingruppe zum Glück verschont bleibt, sind einige von denen stinksauer- selbst ohne Rückfall dauert es normalerweise mindestens zwei Wochen, bis man seinen 3er zurückbekommt, wenn man ihn vorher verbockt hat.

„Ich denke, er hat’s sich verdient. Wir sollten besser aufhören die Therapeuten, aber vor allem uns selbst anzulügen. Wir haben doch längst vergessen, warum wir eigentlich hier sind. Die wollen, daß wir hier Therapie machen und nicht, daß wir denen den Schwanz lutschen!“

Hatte ich schon erwähnt, daß Dongus ein echt korrekter Typ ist? Ich werd ihn heut abend mal auf’n Bierchen einladen. Ach nee, besser auf ne Cola. Brauchen nur noch einen Dritten…

 

 

 

Die Nacht der schwarzen Katze

09img_20150313_2055433262109.Juni 07
Claudi und ich sind auf dem Weg in’s Deja. Bei dem Wetter und der geilen Sommerluft verzichten wir darauf, unnötig Kohle für ein Taxi auszugeben. 25 Minuten Fußmarsch können nicht schaden. Wäre es nach mir gegangen, hätten wir noch n Stündchen gewartet, wir haben gerade mal 23 Uhr und so früh ist in dem Laden eh noch nichts los. Aber nein, Claudia will abzappeln, völlig egal, daß sie wahrscheinlich die Einzige auf der Tanzfläche sein wird. Im Gegenteil: „Ist doch geil, dann hab ich wenigstens genug Platz !“ Daß sie es genießt, wenn sich die paar männlichen Augenpaare, die dann schon anwesend sind, auf sie richten, ist natürlich ein weiteres Argument, auch wenn sie DAS nicht erwähnt. Muß sie auch nicht, ich kenne sie schon ein Weilchen. Ist ja auch völlig in Ordnung.
Wir haben den Großteil der Strecke zurückgelegt und können die Lichter vom Deja schon sehen, als uns auf einmal eine kleine schwarze Katze auffällt, die mitten auf der Straße sitzt. Ich mag die Viehcher nicht, außer daß man sich schnell ein paar Kratzer abholen kann, weiß ich nichts mit Katzen anzufangen. Also überlaß ich es Claudi, die Kleine vorm Überfahrenwerden zu retten. Sie nimmt sie auf den Arm und trägt sie runter von der Straße. Wir gehen weiter und nach einigen Metern bemerken wir, daß sie uns nachläuft. Sie ist noch sehr jung und läßt sich von mir streicheln. Naja, irgendwie süß die Kleine.
Wir erreichen das Deja und sie setzt sich auf die unterste Stufe der Treppe, direkt vorm Eingang. „Dann mach’s gut, Süße !“ Ich zahl den Eintritt und hol uns zwei Wodka/Bulls. Claudi nippt mal kurz, drückt mir ihr Glas in die Hand und rast gleich Richtung Tanzfläche, wo ein Mädel mit geschlossenen Augen zum Takt von „Paint It Black“ der Stones am hin- und her wackeln ist.Sexy ist definitiv anders, Vorteil Claudi !
Es ist schon mehr los, als ich erwartet hatte, es ist gerade die Phase, wo sich der Laden allmählich füllt. Ich gehe in die Ecke, wo der Kicker steht und schaue aus dem Fenster. Genau in dem Moment sehe ich, wie zwei Mädels die Kleine streicheln wollen, die sofort aufspringt und auf Abstand geht. Irgendwie freu ich mich ein bißchen, sie läßt sich wohl nicht von jedem anpacken. Nachdem die Mädels abgezischt- und die Treppe hoch sind, setzt sie sich wieder auf die Stufe. Das Spielchen wiederholt sich noch einige Male, immer mehr Leute kommen, allen fällt natürlich auf, daß da ne Katze sitzt, streicheln läßt sie sich von keinem. Als Nirvana’s „Smells…“ gespielt wird, zappel ich auch kurz ne Runde ab. Aber auch danach hat sich an dem Bild nichts geändert- schwarzes Kätzchen sitzt auf Treppe und pfeift allen einen, die sich ihr nähern wollen. Jetzt will ich es wissen…
Ich geh raus, die Treppe runter- noch bevor ich anfange sie zu streicheln, schmeißt sie ihren Motor an- ich habe bis heute wirklich nicht gewußt, daß Katzen SO laut schnurren können. Ich nehm sie auf den Arm, gehe mit ihr die Straße hoch, Richtung Grund. Hier ist kein Verkehr, keine nervenden Spackos, die das süße Kätzchen mal kurz streicheln wollen. Ich setze sie runter, drehe mich um und geh zurück ins Deja. Sie bleibt sitzen.
Ich hol mir den nächsten Wodka/Bull. Claudi zappelt immer noch, der Laden ist mittlerweile richtig voll. Einige Mädels sind mir schon aufgefallen, mal schauen was die Nacht noch so bringt. Vorher werfe ich noch einen Blick aus dem Fenster…
Ich gehe zu Claudi, während sie einfach weiter danced, brülle ich ihr ins Ohr. Sie brüllt zurück, daß ich sie bitte Schnucki nennen soll. Ich kippe das Glas auf ex und gehe raus, die Treppe runter, nehm die Kleine auf den Arm- und latsch nach Hause.

Zwei Tage später ruf ich im Tierheim an und erkundige mich, ob jemand seine Katze vermißt. Ich geh die Zeitungen durch. Aber nichts- und ich freu mich !

Januar 09
Nachdem ich mit Schnucki zum dritten Mal in den letzten anderthalb Jahren umgezogen bin, haben wir endlich ne Bude, wo wir uns richtig wohlfühlen könnten. Terrasse, Garten, nur meine Vermieter über mir, die mich seit meinem 7.Lebensjahr kennen. Super Voraussetzungen, aber das Beste: ich kann Schnucki ab jetzt rauslassen. Bis jetzt hab ich in der vierten oder fünften Etage gewohnt, da war es nicht möglich.
Und richtig- Schnucki blüht voll auf, ich denke sie ist glücklich. Als ich zum ersten Mal aus dem Haus geh, während sie draußen ist, sieht sie mich, und wie schon damals bei unserer ersten Begegnung läuft sie mir nach und weicht nicht mehr von meiner Seite.
Seitdem gehe ich mit ihr regelmäßig spazieren, meistens abends, weil dann weniger Hunde und Autos unterwegs sind. Erst wir beide alleine, seit 2011 mit Katrin, der sie auch nicht mehr von der Seite weicht.
Wenn ich meine Eltern, drei Straßen weiter, besuche, wartet sie draußen. Nach 20 oder 30 Minuten komm ich wieder raus,pfeife einmal und zack- Schnucki kommt von irgendwoher angerast. Es ist toll!

Als sie mir 2007 über den Weg lief, war ich auf dem besten Wege einmal mehr abzustürzen. Ein halbes Jahr zuvor hatte ich meine Therapie beendet. Ich war längst wieder rückfällig und war fast da angekommen, wo ich vor der Therapie gelandet war- total am Boden, Kurz davor, daß ich mir selbst mal wieder scheißegal war.
Auf einmal war da diese kleine Katze, die meine Hilfe brauchte und die sich von der ersten Sekunde an dankbar zeigte. Und die mir soviel zurückgab. Ich will nicht übertreiben, aber sie hat mir dabei geholfen, Kopf und Herz wieder einzuschalten und dadurch ein paar richtige Entscheidungen zu treffen. Ich habe sie sozusagen adoptiert, aber genausogut könnte man auch sagen SIE hat MICH adoptiert.
Natürlich liegt sie direkt neben mir, während ich das hier schreibe. Neun Jahre! Danke, kleine schwarze Katze !

Knast (3)

Wir sitzen im Knastbus Richtung Simonshöfchen. Kurz vorher hab ich Danni kennengelernt. Auch Junk, wird auch nach Wuppertal verlegt. Als wir ankommen, wird uns direkt klargemacht, daß wir KEINEN Anruf freihaben- woanders schon, hier nicht. „Ihr könnt euch ja beschweren, wenn ihr irgendwann mal raus seid.“ grinst der blöde Schließerwichser.Danach werden wir auf ne Dreierzelle gesperrt. Ein Typ namens Helge liegt auf ner Pritsche, Danni und ich teilen uns das Etagenbett, ich oben. Die nächsten fünf Tage werden wir hier im Loch verbringen, ohne Fernseher, ohne Zeitungen, immerhin haben wir ein kleines Radio. Wir verstehen uns untereinander zum Glück richtig gut. Helge erzählt von London, wo er zwei Jahre die meiste Zeit auf der Straße gelebt hat und wo er wieder hin will, sobald er seine Zeit abgerissen hat. Er sitzt wegen nicht geleisteter Unterhaltszahlungen. Danni ist ein korrekter Junge- er sitzt wegen einer Lapalie, Diebstahl oder so. Problem ist, daß jetzt wohl seine Bewährung widerrufen wird, und bei der Sache ging es um Körperverletzung, ihn erwarten zwei Jahre.
Höhepunkt des Tages ist natürlich die morgendliche Methaausgabe, die Stunde danach liegt man mal relativ entspannt auf dem Scheißbrett, das angeblich ein Bett sein soll. Nach zwei Tagen hat keiner mehr Tabak. Das heißt in den 60 Minuten, in denen wir auf den Hof mit den anderen Knastis dürfen, schnorren wir, was das Zeug hält. Hier drin sind Tabak und Kaffee ne härtere Währung als Euros, aber ein paar Jungs drücken uns soviel ab, daß wir uns davon zehn, zwölf Kippen drehen können, vorausgesetzt wir rollen extrem dünn. Das nächste Problem sind Blättchen. Auch die sind hier rar, wir kriegen nur fünf zusammen. Helge kramt auf einmal ne halb zerfetzte Zeitung unter seiner Wolldecke hervor. „Die lag hier in der Zelle, als ich kam. Glaubt bloß nicht, daß mich so’n Scheiß interessiert!“ Es geht ausschließlich um deutsche Rapper. Nach den nächsten Tagen weiß ich etwas mehr über Eko Fresh, Fler, Sido, Kool Savas, Bushido und wer sonst noch alles auf deutsch hip-hopt und wie sie sich gegenseitig dissen. Einige Seiten fehlen, aber jeden noch so kleinen, eigentlich uninteressanten Bericht lese ich mir aus lauter Langeweile zigmal durch.
Noch wichtiger ist die Zeitung deshalb, weil Danni während seines letzten Knastaufenthalts gelernt hat, wie man aus Zeitungs- Zigarettenpapier macht. Eine Seite besteht aus drei Schichten, er schafft es irgendwie jede einzelne abzuziehen, die Dünnste klebt, wenn man sie befeuchtet. Hört sich leicht an, benötigt aber präzise Kleinstarbeit und Fingerspitzengefühl. Ich würde das niemals hinbekommen und bewundere Danni für seine Ruhe und filigraner Technik. Blättchen brennen etwas gleichmäßiger ab, ansonsten merkt man nicht den geringsten Unterschied. Zumindest können wir jetzt rauchen. Alle vier Stunden eine sehr dünngedrehte Kippe, bis zur nächsten Bettel- und Schnorrstunde- wenn man sich kleine Ziele setzt, geht der Tag irgendwie rum.
Noch viel öfters als das Hip-Hop- Gedöhns, les ich mir den Brief durch, den ich am vierten Tag von Katrin bekomme. Die beiden Jungs sind viel cooler als ich- entweder sie bekommen Post oder eben nicht. Sie haben im Gegensatz zu mir irgendwann im Leben gelernt, völlig alleine auf sich selbst gestellt zu sein, ohne Hilfe und Unterstützung von Familie oder Freunden. Ich dagegen bin mittags, zwischen 11 und 13 Uhr, wenn die Post ausgeteilt wird, völlig nervös und überdreht. Und jetzt könnte ich heulen vor Freude. Keine Kohle der Welt könnte mir dieses Glücksfeeling bieten- eigentlich ne richtig geile Erfahrung. Weiß im Moment nicht, wann ich mich zum letzten Mal so gefreut habe. Und der Inhalt ist noch besser. Keine Ahnung, wann mich mal ne Frau so bedingungslos geliebt hat. Daß wir uns direkt zu Beginn unserer Beziehung so einer Situation stellen müssen, könnte im Nachhinein sogar echt ein Vorteil sein. Ich fühle, daß wir jetzt schon ein gutes Team sind und daß ich auf sie hundertpro zählen kann.

Am Morgen des fünften Tages dürfen wir diese „Begrüßungszelle“ endlich verlassen und werden auf Station gebracht. Jeder einzelne von uns wird auf verschiedenen Sechserzellen zugewiesen. Ab jetzt dürfen wir Anträge stellen, haben n Fernseher auf der Bude und wenn wir wollen, zwei Stunden Umschluß am Tag. Noch besser- wir können regelmäßig duschen und unsere eigenen Klamotten tragen.
Eigentlich haben wir fünf lange Tage darauf gewartet, Trotzdem- wir drei haben jetzt 120 Extremstunden durchgehend miteinander verbracht , das bißchen was wir hatten, haben wir geteilt, wenn einer mal durchhing, haben die anderen zugehört. Unglaublich, aber es kommt tatsächlich sowas wie Wehmut auf. Zum Abschluß klatschen wir drei uns gegenseitig ab- wir werden uns hier sicher noch ab und an über den Weg laufen- wahrscheinlich beim gegenseitigen Anschnorren auf dem Knasthof.

Jugotour Frühling 87

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Vierzig (!) Stunden hat die Fahrt gedauert. Ca sechs Stunden Aufenthalt an der jugoslawischen Grenze, mit dem Happy End, daß die bis an die Zähne bewaffneten Grenzer unser Zehngrammpiece NICHT gefunden haben. So wie die Typen drauf waren, hatten wir nämlich mit allem gerechnet. Dann brach die Achse. Ich hab keinen Plan von KFZ, aber Udo, der beste Kumpel meines Vaters und gleichzeitig unser Co- Trainer, bekam es irgendwie hin, daß wir die letzten 150 km im ersten Gang zurücklegen konnten.

Ich liege im Bus und bin endlos breit. Wir waren uns sicher, daß um 1 Uhr nachts niemand etwas von unserer Ankunft mitbekommt, stattdessen werden wir von dem ganzen Dorf empfangen wie die Könige.
Völlig übermüdet setzen Lütze, Toni und ich uns an einen Tisch in einer Ecke des Zeltes, daß die Jugos für uns aufgebaut haben. Nach zehn Sekunden kommt ein ca 10jähriger Knirps und stellt ein riesiges Tablett vor uns ab. Darauf zwei Dutzend Pinnchen voll mit Sliwowitz. Wir fackeln nicht lange, bevor Pa und die anderen Erwachsenen noch ihr Veto einlegen, und ziehen den kompletten Scheiß auf ex weg. Pflaumenschnaps? Ich schmecke nur Alkohol, mit Pflaume ist da nicht viel ! Es dauert wieder nur zehn Sekunden und der Kleine rückt mit der nächsten Runde an. Anscheinend haben sie ihn abbestellt um uns die nächsten drei Tage abzufüllen, damit wir bei den Spielen nur noch über das Spielfeld wanken können, ich weiß es doch auch nicht.
Ich hab keine Ahnung wie lang wir für das zweite Tablett gebraucht haben, jedenfalls liege ich hier mitten im Gang und alles dreht sich wie Hulle, während der Bus uns ins Hotel fährt.

Zunächst einmal haben wir den nächsten Empfang vor uns. Wir sitzen in nem Restaurant, ein Jugo hält in gebrochenem Deutsch ne Begrüßungsrede. Mittendrin sehe ich wie Lütze von Udo gestützt Richtung Ausgang wankt.“Ich will noch nicht sterben!“ jammert er. Da ist wohl jetzt erstmal Kotzen angesagt. Seit der Ankunft nehme ich zum ersten Mal Pa wahr, der mit der Situation etwas überfordert scheint. Zwei Drittel der Mannschaft sind völlig besoffen.

Das Hotel entpuppt sich als halbabgerissene Baracke mit zwei Schlafräumen und nem Plumpsklo. Auf’s Kacken werde ich wohl erstmal verzichten. Wir fühlen uns trotzdem wohl. Vor allem, weil die mitgefahrenen Eltern woanders untergebracht sind, einschließlich Pa und Udo. Es hatte sich schon an der Raststätte abgezeichnet, daß die halbe Mannschaft am Kiffen ist, als wir kurz am Chillum genuckelt hatten. Natürlich teilen sich die Raucher ein Zimmer. Irgendeiner baut auf die Schnelle noch ne Blubber. Keiner im Raum hat weniger als 1,5 Promille, aber jeder zieht- außer Lütze, der schläft tief und fest.

Um 11 Uhr haben wir das Halbfinale (das Turnier besteht nur aus vier Mannschaften), keiner glaubt daran, daß wir was reißen können, wir haben noch zuviel Alk im Blut. Zum Glück ist der Gegner ganz schwach, wir gewinnen 5:1. Werner, Nichtraucher und Antialk, macht vier Buden. Die letzte bereitet Lütze vor, nach einem Alleingang über das halbe Feld. Völlig untypisch, erst recht nach letzter Nacht. Aber was ist schon normal auf dieser Tour?

Abends machen wir Party in der City. Wir können noch soviel Whisky – Cola und Sliwo saufen, wir werden unsere Dinar nicht los. Pa läßt uns machen, die meisten kennt er seid der E-Jugend, also vertraut er uns.

Mit 17 kann man machen was man will. Pünktlich zum Finale sind wir fit. Kaum zu glauben, daß wir zwei Tage lang gekifft und gesoffen haben. Und zwischendurch ein Spiel gewonnen. Im Finale treffen wir auf die Jungs, die letztes Jahr das Pfingstturnier auf Hackenberg gewonnen hatten. Technisch haushoch überlegen, kleine wendige Spieler, die mit der Pocke umgehen können.

Es werden echt die deutsche und die jugoslawische Hymne gespielt, die Tribüne ist vollbesetzt. Echt geil !
Mitte erste Halbzeit hau ich tatsächlich einen Freistoß aus 25 wenn nicht sogar 30 Metern in den Giebel. Meine schönste Bude seit langem. Die Jugos sind angepißt und jetzt zeigen sie was sie können. Haushoch überlegen erspielen sie sich eine 100%e nach der anderen. Nur der Abschluß ist nicht ihr Ding. Sie verballern sogar zwei Elfer, schaffen aber irgendwann dann doch das 1:1.
Elfmeterschießen 4:4, unser Keeper hält den Fünften. Wer haut für uns den Entscheidenen rein? Lütze, flach unten rechts.

Nach der Siegerehrung verschenken wir alles. Trikots, Schienenbeinschoner, Fußballschuhe. Die Leute hier sind arm wie ne Kirchenmaus.
Hinterher wird nur noch heimlich gekifft, nicht gesoffen. Wir sind happy genug und Pa ist mächtig stolz. Am nächsten Morgen geht’s nach Hause, in meinem Gepäck zwei Liter Sliwowitz.

Keine fünf Jahre später liegt der Ort in Schutt und Asche und Jugoslawien gibt’s nicht mehr. Die Erinnerung an die drei Tage lebt dafür auch noch fast 30 Jahre danach.

Fixerjunk

img_20140425_1430161Am Ende hatte ich jegliches Interesse an Frauen und vor allem an Sex verloren. Ich lag nur noch zu Hause rum, ignorierte den Briefkasten, die Türklingel, am Ende sogar das Handy. Ich raffte mich nur noch auf, um meine wöchentliche Metharation abzuholen oder um mich ab und an mit Snickboy zu treffen. Sicht- oder fühlbare Venen hatte ich schon lange keine mehr, dafür regelmäßig fette Abzesse, wenn ich mal wieder aus Versehen danebengedrückt- oder noch besser, anstatt Vene ne Arterie getroffen hatte. Oftmals endete das mit einer Blutvergiftung. Das bedeutete dann tagelang hohes Fieber, bis irgendwann das Eiterei so riesig war, daß ich versuchte mit einer Sicherheitsnadel ein Loch in die Haut zu bohren, was nicht einfach war, weil durch die Spannung sozusagen eine Elefantenhaut entstanden war. Wenn ich es nicht schaffte da durchzustoßen, dann stach ich solange auf die Stelle ein, bis ich mir wenigstens sicher sein konnte, daß sich nach ein paar Tagen eine Kruste bilden würde. Diese kratzte ich dann auf und dann war es endlich soweit: eine dunkelgrüne Eitermasse schoß aus meinem Arm, wortwörtlich in Strömen. Nicht selten kam es vor, daß der ganze Raum wie nach faulen Eiern stank. Faule Eitereier. Selbst wenn ich mir die Stelle verband, ich konnte sicher sein, daß nach ner halben Stunde die Scheiße durchgesuppt war, durch Mull und Pulli. Daß der letzte Eiter die Wunde verlassen hatte, erkannte ich daran, daß ich am Ende etwas schwarzes Wurmförmiges mit einer Nadel aus dem Loch ziehen konnte. Abgestorbenes Fleisch oder so, ich hab keine Ahnung. Danach war dann auch das Fieber verschwunden.
An der Hautoberfläche meiner Arme befinden sich unzählige Löcher. Kleines Loch – kleiner Abzess, großes Loch – großer Abzess. Ich muß froh und dankbar sein. Als ich vor der Therapie nach Leverkusen zur DRV mußte und durchgecheckt wurde, meinten die Ärzte, daß ich unverschämtes Glück gehabt hätte, daß ich noch beide Arme habe.

Es hat schon was Masochistisches, die ganze Fixerei. Suchtdruck läßt sich nur schwer beschreiben, aber diese Schußgeilheit ist nochmal was anderes. Der Moment ,in dem man die Vene trifft, das Blut in die Spritze schießt, ist sozusagen der Kick vor dem Kick – und eigentlich ne Sucht für sich. Ich kenn Junks, die haben sich Wasser gedrückt, wenn keine Drogen am Start waren. Wenn die Arme dicht waren, kam irgendwann die Leiste. Vorteil: die Leistenvene ist wie ein dicker fetter Schlauch, eine Zeit lang trifft man ziemlich sicher. Klitzekleiner Nachteil: sollte man an der Stelle danebenschießen, riskiert man, sein Bein zu verlieren. Es gab n Junk in Wermelskirchen, der hat danach in der anderen Leiste weitergestochen, Mit dem Ergebnis, daß irgendwann beide Beine amputiert waren.
Ich wußte genau, wenn ich einmal damit anfang, ende ich hundert pro im Rolli. Und trotzdem war ich mehr als einmal kurz davor, wenn ich mal wieder keine andere Stelle fand. Im Hals hab ich mir hin und wieder fixen lassen, von Leuten, denen ich vertraut habe und bei denen ich wußte, daß sie es drauf haben, nicht schlechter als irgendein OP- Anästhesist. Zu denen gehörte ich definitiv nicht.
Ich weiß noch wie eines Tages ne Reportage über die berüchtigte Züricher Platte im TV lief. Sie zeigten einen Junk, der ohne abzubinden direkt unterm Arm sofort ne Vene traf. Es war eine Offenbarung. Ich besorgte mir Kanülen und 30mm Gewindespitzen und probierte die Stelle aus – danach hatte ich wochenlang keine Probleme mehr. Die einzige Phase während meiner Junkzeit, in der ich immer schon beim ersten Versuch traf. Aber auch DIE Vene war irgendwann dicht. Erst links, dann rechts und dann war’s das.
Ich behaupte nicht, daß Fixer süchtiger sind als Blower oder Sniefer, aber die ganze Drückerei ist in jedem Fall nochmal n Tacken kaputter als alles andere. Ganz abgesehen von all denjenigen, die sich irgendwann den Goldenen geben.
Tatsächlich kenn ich auch jemanden, der sich nach längerer Cleanphase ne fette Nase zog und dann im letzten Moment gerettet wurde. Pulp Fiction läßt grüßen.

Irgendwann gab es für mich nur noch einen Ausweg – Entgiftung, danach Therapie. Ich wollte raus aus meiner Depression. Weg von der selbst auferlegten Todessehnsucht. Und so kam ich aus’m Arsch…