Die Paranoia der Benzofrau

IMG_20160701_072246445Seit zwei Monaten wohne ich in der Dowidat, ein Haus weiter, wo früher Ralle und Rita gewohnt haben und wo wir damals über zwei Jahre lang unsere Hardcorekifferphase ausleben konnten. Es ist eine Notlösung, ohne Auto bin ich hier einfach zu weit vom Schuß. Oben an der Hauptstraße, gleich da, wo man runter zur Dowi abbiegen kann, wohnt die einzige mir bekannte Person weit und breit – Iris H., zwei Jahre älter als ich, 1,60 m klein, kurze grau-beige-blond-braune (kurz gesagt: Farbe undefinierbar) Haare, unter ihrer Panzerglashornbrille zwei verschiedenfarbige Augen, bei denen man nie genau weiß, wohin sie schauen – weil extrem schielend -, das Gesicht quasi durchgehend von einer Art Akne befallen, zwei Söhne – 6 und 13 Jahre alt. Beide wohnen erst seit Kurzem wieder bei ihr, nachdem sie einige Jahre im Heim verbracht haben. Das heißt der Große, den Kleinen hat sie wohl erstmal nur zwei, drei Tage in der Woche, der pennt auch noch woanders. Iris war eine der Allerersten aus unserem Kaff, die auf Schore hängengeblieben sind. Nicht nur das, viel krasser ist ihr Benzodiazepin – Konsum. Seit Jahren frißt sie die Dinger wie Smarties und mir ist es ein absolutes Rätsel, wie sie es geschafft hat ihre Jungs zurückzubekommen, nachdem sie die Zeit im Knast überhaupt keinen Kontakt zu den beiden hatte.
Neuerdings dealt sie ein bißchen und wie es eben so ist, wenn man nur zwei Minuten entfernt wohnt, bin ich jetzt ein paarmal bei ihr gelandet. Allerdings nur im äußersten Notfall. Kurs und Material sind sogar echt in Ordnung, aber die Frau ist so unfaßbar verpeilt durch ihre ganzen Pillen, daß es schonmal anderthalb Stunden dauern kann, bis sie es schafft, je nachdem, ein oder zwei Gramm abzupacken. Du sitzt da und willst so schnell wie möglich wieder nach Hause, sagst ihr auch zigmal, daß du nur wenig Zeit hast und daß sie hinnemachen soll, aber sie schafft es einfach nicht schneller. Außerdem mag ich ihren Sohn. Den Kleinen hab ich noch nicht bei ihr gesehen, aber der Große bekommt meistens den ganzen Scheiß mit. Er ist ein heller Bursche und steckt seine Mutter jetzt schon im Sack. Meistens kümmert er sich um sie und nicht umgekehrt. Das einzig Richtige wäre wohl das Jugendamt anzurufen, damit er hier schnell wieder rauskommt, stattdessen sitze ich hier und zocke mit ihm ne Runde Maumau, während die Trulla mal wieder nichts auf die Kette kriegt. In solchen Momenten ist mir voll bewußt, daß ich echt kaputt bin, denn was hat der Junge mit unserer Junkiescheiße zutun? Gleich bin ich weg und dann kommt der Nächste…

Als ich sie anrufe, ist sie völlig aufgelöst. „Die Schweine haben mir mein Zeug und das Geld geklaut. Was soll ich denn jetzt machen?“
Als ich in ihrer Wohnung bin, erfahre ich, daß sie sich an den gestrigen Abend kaum erinnern kann. Sie weiß, daß um 22 Uhr noch zwei Junks was gekauft haben und daß das Zeug mit der Kohle jetzt verschwunden ist. Angeblich hat sie alles zigmal abgesucht, aber ihr wäre von Anfang an klar gewesen, daß die Pisser sie abziehen wollten. Während ich sie aus der Küche weiter fluchen höre, gehe ich in’s Kinderzimmer und öffne die linke obere Schranktüre. Vor ein paar Tagen hatte ich gesehen, wie sie die Schore dort rausholte. Unter einer Kiste mit Legosteinen finde ich eine Dose ,wo sie die Pesola-Federwaage, den Beutel und ca 400 € verstaut hat. „Wie verpeilt bist du eigentlich? Und such dir ein anderes Versteck!“
Zum Dank streut sie mir n Knaller, den nehm ich natürlich gerne an, obwohl ich hier ganz schnell wieder raus will.

Drei Tage später, diesmal ruft sie mich an, ist sie sich zu 100% sicher. „Glaub mir bitte, ich hatte von Anfang an ein schlechtes Gefühl bei der Bitch, die hat nur darauf gewartet mich zu beklauen !“ „Und was willst du jetzt von mir?“ „Kannst du mir nicht ein bißchen Metha abdrücken?“
Diesmal brauch ich immerhin zehn Minuten, bis ich die Dose finde – anderes Zimmer, anderer Schrank. Vorher lästert sie über die verfluchte Schlampe, die seit Tagen nach der Dose geschielt habe.“Hör auf soviele Pillen zu fressen ! Und hör auf über deine Kunden abzurotzen !“ Ich verzichte diesmal auf den Knaller, hab zu Hause selber was.

Diesmal hat es tatsächlich nur einen Tag gedauert. Diesmal gibt es keinen Zweifel. Diesmal brauche ich mir erst gar keine Mühe geben. Sie sitzt wie immer in der Küche, die Jungs sind zum Glück wieder in der Schule, während ich Wohn- und Kinderzimmer eher oberflächlich durchstöber. Mit Verdächtigungen hält sie sich zurück, obwohl sie sich sowas von sicher ist, daß sie beklaut wurde. Ich gehe ins Schlafzimmer, öffne den großen Schrank, greife unter einen Stapel Handtücher…
Ich zähle 90 Eus, den Beutel schätze ich auf knappe fünf Gramm. „Diesmal hast du wohl recht. Ich hab überall nachgeschaut- Nichts…!“

Die Pesola-Federwaage zeigt 3,2 an, das heißt 1,1 habe ich bis jetzt plattgemacht. Ich fühle mich schlecht. Sie hat immer korrekt gegeben. In all dem Junk, in dem sie lebt, konnte ich trotzdem erkennen, daß sie ihren Sohn sehr liebt – und er liebt seine Ma. Durch das Pulver und vor allem durch die Tausenden Diazepams, Flunitrazepams und Rohypnols, die sie in all den Jahren geschluckt hat, schnallt sie einfach nicht mehr, daß ihre Kinder in diesem Umfeld keine Zukunft haben. Sie begreift nicht, daß die beiden stürzen werden, wenn sie nicht losläßt.
Ich schätze, ab jetzt wird sie über MICH herziehen, mit dem klitzekleinen Unterschied, daß ich sie tatsächlich bestohlen hab. Am Liebsten würde ich ihr die Dose zurückbringen, aber es fehlen schon ein Gramm und 30 Eus. Ich koch gleich noch einen auf, je schneller alles weg ist, desto besser…

Ein knappes Jahr später, ich habe die Dowidat längst verlassen, erfahre ich, daß die Jungs wieder im Heim sind. Irgendein Bekannter bricht seine Entgiftung in der Stiftung Tannenhof ab und geht von da aus praktischerweise gleich zu Iris, ihre Wohnung keine zweihundert Meter vom Krankenhaus entfernt. Er kocht sich einen auf und gibt sich den Goldenen. Während er in der Küche stirbt, sitzt Iris im Wohnzimmer. Es läuft gerade „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“…

2 Gedanken zu “Die Paranoia der Benzofrau

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