Fixerjunk

img_20140425_1430161Am Ende hatte ich jegliches Interesse an Frauen und vor allem an Sex verloren. Ich lag nur noch zu Hause rum, ignorierte den Briefkasten, die Türklingel, am Ende sogar das Handy. Ich raffte mich nur noch auf, um meine wöchentliche Metharation abzuholen oder um mich ab und an mit Snickboy zu treffen. Sicht- oder fühlbare Venen hatte ich schon lange keine mehr, dafür regelmäßig fette Abzesse, wenn ich mal wieder aus Versehen danebengedrückt- oder noch besser, anstatt Vene ne Arterie getroffen hatte. Oftmals endete das mit einer Blutvergiftung. Das bedeutete dann tagelang hohes Fieber, bis irgendwann das Eiterei so riesig war, daß ich versuchte mit einer Sicherheitsnadel ein Loch in die Haut zu bohren, was nicht einfach war, weil durch die Spannung sozusagen eine Elefantenhaut entstanden war. Wenn ich es nicht schaffte da durchzustoßen, dann stach ich solange auf die Stelle ein, bis ich mir wenigstens sicher sein konnte, daß sich nach ein paar Tagen eine Kruste bilden würde. Diese kratzte ich dann auf und dann war es endlich soweit: eine dunkelgrüne Eitermasse schoß aus meinem Arm, wortwörtlich in Strömen. Nicht selten kam es vor, daß der ganze Raum wie nach faulen Eiern stank. Faule Eitereier. Selbst wenn ich mir die Stelle verband, ich konnte sicher sein, daß nach ner halben Stunde die Scheiße durchgesuppt war, durch Mull und Pulli. Daß der letzte Eiter die Wunde verlassen hatte, erkannte ich daran, daß ich am Ende etwas schwarzes Wurmförmiges mit einer Nadel aus dem Loch ziehen konnte. Abgestorbenes Fleisch oder so, ich hab keine Ahnung. Danach war dann auch das Fieber verschwunden.
An der Hautoberfläche meiner Arme befinden sich unzählige Löcher. Kleines Loch – kleiner Abzess, großes Loch – großer Abzess. Ich muß froh und dankbar sein. Als ich vor der Therapie nach Leverkusen zur DRV mußte und durchgecheckt wurde, meinten die Ärzte, daß ich unverschämtes Glück gehabt hätte, daß ich noch beide Arme habe.

Es hat schon was Masochistisches, die ganze Fixerei. Suchtdruck läßt sich nur schwer beschreiben, aber diese Schußgeilheit ist nochmal was anderes. Der Moment ,in dem man die Vene trifft, das Blut in die Spritze schießt, ist sozusagen der Kick vor dem Kick – und eigentlich ne Sucht für sich. Ich kenn Junks, die haben sich Wasser gedrückt, wenn keine Drogen am Start waren. Wenn die Arme dicht waren, kam irgendwann die Leiste. Vorteil: die Leistenvene ist wie ein dicker fetter Schlauch, eine Zeit lang trifft man ziemlich sicher. Klitzekleiner Nachteil: sollte man an der Stelle danebenschießen, riskiert man, sein Bein zu verlieren. Es gab n Junk in Wermelskirchen, der hat danach in der anderen Leiste weitergestochen, Mit dem Ergebnis, daß irgendwann beide Beine amputiert waren.
Ich wußte genau, wenn ich einmal damit anfang, ende ich hundert pro im Rolli. Und trotzdem war ich mehr als einmal kurz davor, wenn ich mal wieder keine andere Stelle fand. Im Hals hab ich mir hin und wieder fixen lassen, von Leuten, denen ich vertraut habe und bei denen ich wußte, daß sie es drauf haben, nicht schlechter als irgendein OP- Anästhesist. Zu denen gehörte ich definitiv nicht.
Ich weiß noch wie eines Tages ne Reportage über die berüchtigte Züricher Platte im TV lief. Sie zeigten einen Junk, der ohne abzubinden direkt unterm Arm sofort ne Vene traf. Es war eine Offenbarung. Ich besorgte mir Kanülen und 30mm Gewindespitzen und probierte die Stelle aus – danach hatte ich wochenlang keine Probleme mehr. Die einzige Phase während meiner Junkzeit, in der ich immer schon beim ersten Versuch traf. Aber auch DIE Vene war irgendwann dicht. Erst links, dann rechts und dann war’s das.
Ich behaupte nicht, daß Fixer süchtiger sind als Blower oder Sniefer, aber die ganze Drückerei ist in jedem Fall nochmal n Tacken kaputter als alles andere. Ganz abgesehen von all denjenigen, die sich irgendwann den Goldenen geben.
Tatsächlich kenn ich auch jemanden, der sich nach längerer Cleanphase ne fette Nase zog und dann im letzten Moment gerettet wurde. Pulp Fiction läßt grüßen.

Irgendwann gab es für mich nur noch einen Ausweg – Entgiftung, danach Therapie. Ich wollte raus aus meiner Depression. Weg von der selbst auferlegten Todessehnsucht. Und so kam ich aus’m Arsch…

6 Gedanken zu “Fixerjunk

  1. yummiyummi. 😀
    was war zuerst? depression oder sucht? ich stell mir die frage oft. hab ja zehn jahre oder so gelegentlich bis phasenweise auch regelmäßig ephedrin und speed gefressen. ich war schon immer ein eher trauriger mensch, glaub ich, aber das zeug hat mir noch mal ein paar entscheidende synapsen verbrutzelt.

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    • Ich hatte ne glückliche Kindheit, alles war gut. Ich brauchte auch keine Erwartungshaltung seitens meiner Eltern erfüllen, wie bei Dir und Deinem Pa. Ich glaub ich hatte schon immer einen leichten Hang zur Melancholie, ohne dabei wirklich traurig zu sein. Wenn ich nach drei durchgemachten Nächten auf Speed runterkam, war ich wirklich depressiv, aber das ist wahrscheinlich bei jedem so. Nein, hinterher auf Heroin, da waren es die Umstände – immer pleite, Schulden, Anzeigen am Arsch, Freunde verprellt, Eltern beklaut usw. Bei mir war zuerst die Sucht.
      Übrigens, ich bin pc-mäßig ganz schlecht. Hab Dir auch schon einige Kommentare geschrieben, aber irgendwie klappt’s nicht. Find stark wie Du schreibst, und das hat nichts mit Deinem Kommentar letztens zutun.

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      • ich glaub, heroin sollte man mir auch nicht geben.
        vor meinem zusammenbruch 2012 haben sie mir wegen diverser bandscheibenvorfälle tramal verschrieben. das hab ich immer gern genommen. kleiner whiskey drauf und dann gechillt. aber happy gechillt, nicht abgestumpft. opiate find ich also schon mal dufte. heute darf ich nicht mehr wegen dem escitalopram. da kannste einen ja schon mit aspirin killen.
        ich hab zwei, drei leute im bekanntenkreis mit h-erfahrung. einer raucht immer noch ab und an ein blech. ist auch depri und auf velofaxin oder wie das zeug heißt. mitrauchen könnt ich mir theoretisch vorstellen, hab ich praktisch aber mal besser gelassen. ich hab respekt vor der autonomie der botenstoffe. zumindest bei mir machen die immer komische geschichten.

        mit deinen kommentaren ist alles super. ich habe das blog nur so eingestellt, dass ich die moderieren kann, d.h. sie müssen erst durch mich freigeschaltet werden. ich hatte mal nen unangenehmen stalker.

        ich fühl mich auch nicht angeschleimt, keine sorge, und wenn dann hab ich ja mit dem schleimen angefangen. 😉 ich finde immer, was wahr ist, muss gesagt werden, und was gut ist, muss getan werden. ganz easy.

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      • Als ich zum ersten Mal gedrückt hab, schlug das so kraß bei mir ein, daß mir sofort klar war, daß ich dem Feeling (vielleicht) mein Leben lang nachjagen werde. Diese innere Wärme und dem Himmel so nah hab ich danach nie wieder so erlebt, aber vergessen hab ich’s auch nie…In den 30ern wurde mir irgendwann bewußt, daß man sein Leben verschenkt, wenn man sich nur für’s Beschaffen und Konsumieren interessiert, das alleine kann’s dann doch nicht sein. Die Umstände- Knast, Schulden, usw – kotzen einen zwar an, aber entscheidend ist das Abstumpfen. Natürlich bleib ich mein Leben lang süchtig, aber die Prioritäten haben sich geändert. Scheiße, ich hatte EINEN Bandscheibenvorfall, nichtmal allzu heftig, gerade heute ist so’n Tag, wo ich ein paar Pillen geschluckt hab-aber mir reicht dann Diclofenac (und Metha), also kein Vergleich. Mit Deinem letzten Satz hast Du absolut recht !

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