Ein neuer Tag in den 90ern

Ich habe allergrößtes Mitleid mit Hassi, gleichzeitig bin ich überaus dankbar, daß er und nicht ich in dieser fast schon ausweglosen Situation steckt. Der unfaßbar riesige Rottweiler der Bimbofamily hält Hassi’s lange Stelzen anscheinend für ne geile Hündin. Der Köter ist vollkommen außer sich und obwohl ich unbeteiligt mit ausreichend Abstand die Szenerie beobachte, habe ich trotzdem Schiß vor dem Ungeheuer, wie soll es da erst Hassi gehen, der krampfhaft versucht das Vieh auf Distanz zu halten und dabei einen fast schon flehenden Blick zu Whoopi, Chucki’s Big Mama wirft, die aber weiter in ihrer Fernsehzeitung blättert, als wäre alles in bester Ordnung.

Es kommt öfters vor, daß Chucki nicht da ist, was uns aber eigentlich völlig egal ist, solange seine Schwester oder Whoopi ihn vertreten und uns das Zeug verticken. Deshalb war es halb so schlimm, als wir ihn nicht antrafen. Schlimm ist, daß das Zeug alle ist und wir seit einer Stunde auf ihn warten, daß er mit der neuen Lieferung auftaucht. Laut Big Mama müßte er längst zurück sein.

Über ein halbes Jahr lang konnte ich nicht mitfahren, was ja eigentlich ein Vorteil ist. Aber natürlich konnte ich auch nicht von Hassi, Micha oder Toni verlangen, daß sie jedes Mal für lau meine Schore über die Grenze schmuggeln. Außerdem war es nie meine Stärke zu Hause zu sitzen und zu warten, ich wollte immer mit dabei sein. Aber selbst Schuld. Chucki hatte mir 50g auf Kombi gegeben. Von IHM kam der Vorschlag. Das wäre besser, als wenn ich immer nur für läppische fünf oder zehn Gramm vorbeikommen würde. Ich sollte davon doch was verticken und wenn ich die Kohle zusammenhätte, würde er mir die nächsten 50 mitgeben. Ein einziges Mal hat es geklappt, danach war ich selbst mein allerbester Kunde und hab das Meiste konsumiert- natürlich ohne die Kohle auftreiben zu können.

Nach sechs Monaten meinte Chucki, die Jungs sollten mir bestellen, daß er nicht mehr sauer wäre und daß ich wieder kommen könnte. Er hatte in all den Jahren soviel an mir verdient, obwohl ich ja immer nur so angeblich läppische Mengen geholt hatte, daß er auf mich als Kunden anscheinend nicht verzichten wollte und mal eben den Verlust von 1000 D- Mark in Kauf nahm.

Also bin ich wieder mit am Start. Nicht nur das, mittlerweile bekomm ich meinen Stoff wieder auf Kombi, allerdings NUR 25g- und bis jetzt klappt’s mit dem Ticken.  Der Rottweiler läßt Hassi endlich in Ruhe, aber jetzt wird’s noch schlimmer…Das jüngste Mitglied der Familie ist behindert. Irgendwas zwischen Down-Syndrom und noch ne Stufe krasser. Wir wissen nicht genau, ob Junge oder Mädchen. Könnte erst 8 Jahre alt sein, vielleicht aber auch schon 14. Jedenfalls macht sie/er es dem Köter nach und reibt sich an Hassi’s Bein und gibt dabei grunzartige Geräusche von sich. Hassi ist ein friedfertiger Zeitgenosse, mit ein Grund, warum ich ihn seit dem 1.Schuljahr in mein Herz geschlossen habe. Aber jetzt läuft sein Gesicht verdammt rot an. Ich denk nur „Bleib cool, Hassi, bitte nicht ausrasten- denk an die gute Schore…“. Big Mama blättert weiter in ihrer Zeitschrift, obwohl sie genau mitbekommen muß, welch Drama sich da gerade abspielt. Hassi nimmt das Downie und versucht es sanft von sich zu reißen. Klappt nicht so ganz, außerdem fängt das Balg an lauthals zu protestieren…

Die Tür geht auf und Chucki kommt rein. Er sagt irgendwas auf seinem Jamaika/Englisch-Holländisch- Slang und sofort läßt Downie Hussi’s Bein los.

Als wir im Auto sitzen und Hassi den Nissan startet, sieht er um Jahre gealtert aus. „Alter, was war das denn für’n Horrorstreifen?“ Ich klopf ihm auf die Schulter. Das Wichtigste: Der Sack mit dem Heroin ist vorne im Motor gut verstaut!

Meine Eltetn sind im Urlaub, also findet das Abpacken und Abwiegen zu Hause im Wohnzimmer statt. Sajo hat eben schon geschellt, aber ich hab ihn vertröstet. Erstmal in Ruhe einen machen, er soll in ner Stunde wiederkommen.

Klappt mal wieder nicht so richtig, weil meine Venen dicht sind. Blut tropft auf dem Teppich und es schellt schon wieder. Ich guck aus dem Fenster- Ingolf und Michel Hupper, zwei Hardcorejunkbrüder aus Klausen schauen hoch. So ein Fuck! Wenn die erstmal Schore gerochen haben, wirst du die so schnell nicht mehr los. Ingolf alleine find ich noch ganz in Ordnung, sein Bruder geht gar nicht. Natürlich hat Sajo ihnen gesteckt, daß wir n Beutel braunes Pulver aus Holland geholt haben, wahrscheinlich verspricht er sich davon, daß wir uns nicht soviel Zeit lassen. Und sein Plan geht auf, denn- und das ist noch NIE vorgekommen- ich lege die Spritze beiseite. Das Blut ist eh geronnen, das gibt eh keinen mehr und bevor ich neu anfange zu kochen, will ich die beiden Huppers aus meinem Schädel haben. Hassi ist längst fertig, nicht nur, daß er bessere Venen hat, er hat es einfach drauf.

Mittlerweile ist es dunkel, alle fünf Minuten schellen die Huppers Sturm, die letzten fünf Gramm müssen abgepackt werden. Als wir fast fertig sind, höre ich, wie die Wohnungstür aufgeschlossen wird. Ich bekomm fast ne Herzattacke, hau die Wohnzimmertür hinter mir zu und bereite mich auf das Schlimmste vor. Meine Schwester, die mit ihrer Familie ganz unten ne Wohnung- und einen Ersatzschlüssel meiner Eltern hat, steht auf der Matte. Shit, ich dachte die wären nicht da… „Draußen vor der Haustür schwirren zwei Typen rum, sehen ziemlich fertig aus, die meinten sie müßten unbedingt mit dir reden und ob ich sie reinlassen könnte. Hab ich aber nicht gemacht. Was wollen die denn?“ „Äh, keine Ahnung, ich hab glaub ich noch ein paar Scheiben von denen ausgeliehen. Ich geh gleich mal runter.“ Ich bete leise für mich, daß sie nicht ins Wohnzimmer geht. Außer einem völlig breiten Hassi, würde sie ne Waage und unzählige abgepackte Bubbles auf dem Tisch liegend vorfinden. Nicht gut…

Meine Sis ist weg, ich bringe Hassi, der mit seinem Anteil abhauen will, zur Haustür, wo nicht weit entfernt Sajo und die Huppers erwartungsvoll rumstehen. Ich gebe Sajo seine zwei Gramm, Kohle hatte er mir schon gegeben, und noch bevor ich ihm den Kopf abreißen kann, läßt er mich mit den beiden Junk-Brüdern allein. „Hörmal, wir sind leider blank, aber du kannst hier die CD’s haben, die sind nagelneu.“ Tracey Chapman und Bruce Bringsteen, verschweißt, also geklaut. Naja, es geht schlimmer, anhören werde ich sie mir wohl trotzdem nicht. Aber ich weiß genau, ohne daß sie von mir nicht jeweils mindestens ein Gramm bekommen, lassen sie micht nicht in Ruhe. Ich geb ihnen ihre Bubbles, nehm die CDs und fürchte, daß ich Chucki schon sehr bald ein zweites Mal enttäuschen werde…

Selig breit schlafe ich ein. Daß ich morgen wieder an der Drehbank stehe und danach Bubbles für Chucki’s Kohle verticken muß- was soll’s, dafür hab ich ja einige Knaller für lau. Ich bin ein cleverer Junge und die Sonne scheint mir aus dem Arsch!

Von Lust und Launen

Ich lese gerade die Biografie von Billy Idol und zweifle. Er schreibt, daß er mit NEUN seinen ersten feuchten Traum hatte. Entweder lügt er oder Billy gehört zu den Frühreifen. Ich war 12, und bei mir war es kein Traum, sondern ich war bei Bewußtsein. Meine Schwester und ich hatten zwar jeder unsere eigene Zimmer, aber weil wir uns gut verstanden, pennte ich meistens auf einem ausklappbaren Schlafsessel neben ihr, bis sie dann unverschämterweise anfing Typen mit nach Hause zu bringen. Bis dahin war ich derjenige, der bei Liebeskummer oder erwiderten und unerwiderten Schwärmereien herhalten mußte und bei dem Ela ihr Herz ausschüttete. Gut möglich, daß das der Grund dafür war, daß ich dann Jahre später  mehr als einmal als Frauenversteher „benutzt“ wurde, mit dem ärgerlichen Nebeneffekt, daß Frauenversteher zwar beliebt, aber unattraktiv waren, ohne jegliche sexuelle Ausstrahlung. Höhepunkt war, als ich eines Tages mit den Worten: „Das ist A.-A. ist sozusagen meine beste Freundin…“ vorgestellt wurde. FREUNDIN? Das fand ich dann schon ziemlich entwürdigend und ab diesem Moment an war ich dann nicht mehr der supergute Zuhörer- ein bißchen Stolz hatte selbst ich.

Na jedenfalls war das keine tolle Situation. Irgendwas klebte an meinem Schlafanzug und ich fand es besser, daß meine Schwester nichts davon mitbekam, also ließ ich es kleben. Unfaßbar wie unaufgeklärt ich war. Als ich mir am Tag darauf im Hellen einen runterholte, war ich irgendwie geschockt, was da aus meinem Schwanz rausgeschossen kam. Und daß aus diesem Zeug Kinder gemacht werden, peilte ich schonmal gar nicht. Aber schnell stellte sich heraus, daß all meine Kumpels ungefähr zur selben Zeit, plusminus sechs Monaten, das Gleiche erlebten. Es dauerte nicht lange und es fanden regelrechte Wichswettkämpfe statt. Wenn die Eltern mal nicht da waren, wurden Pornos ausgeliehen, um rauszufinden, wie oft man sich in 90 Minuten einen kloppen konnte. Und ich kann sagen, nie wieder ist Man(n) so potent wie zwischen 12 und 18. Interessant welche Techniken einige Kumpels anwendeten. Ich benutzte die langweilige 08/15-Technik, aber es gab tatsächlich die „Reibe“-Technik, die „Auf und nieder“-Technik (nicht zu verwechseln mit der üblichen, meiner, Hoch/Runter-Technik), es gab die Technik, wo Hände nicht helfen konnten, sozusagen die „Phantomvögeln/Wichs“-Technik.

Wir wurden älter und auch wenn wir unser Jungfrauendasein erfolgreich abgelegt hatten, jetzt brauchten wir Pufferfahrungen. Im Nachhinein weiß ich, daß es mehr um Mutproben als um Sex ging- zumindest die ersten Male mit 18, 19. Wir fuhren nach Bochum zum berüchtigten „Eierberg“, damals einer der beliebtesten Bordelle in NRW. Natürlich wurde man spitz, wenn man all die sexy Frauen sah, die einen dann noch fragten, ob man nicht ne halbe Stunde auf ihr Zimmer kommen will. Der Kopf sagte:“Alter, die wollen deine Kohle und sonst nichts!“ Aber der Schwanz sagte was völlig anderes. Und in dem Alter hört man selten auf seinen Kopf…

Interessant war, daß nach dem ersten Puffbesuch jeder erzählte, wie geil es gewesen wäre und daß es sich voll gelohnt hätte. Keiner wollte sein Gesicht verlieren. Erst nach und nach stellte sich heraus, daß JEDER die Erfahrung gemacht hatte, daß die Huren gar nicht mehr so nett waren, wenn sie erstmal die Kohle eingesackt hatten. Ich hab beides erlebt- den totalen Abzug zum einen und guten Sex zum anderen. Hört sich toll an- so als wäre ich der krasse Puffkunde. Ich glaub das war ich nie, aber ich gebe gerne zu, daß ich einige Male für Sex bezahlt habe, zuletzt vor neun Jahren, in einem Saunaclub in Wuppertal.

Ich war oft verliebt, zwischen 14 und 18 quasi durchgehend, nur die Angebetete war oft eine andere. Bis heute behaupte ich, daß es kaum einen Mann unter uns Menschen gibt, der heterosexueller ist als ich. Vielleicht gibt es eine Milliarde Typen, die genauso hetero sind, kann sein, aber nicht viele stehen MEHR auf Frauen als ich. Ich geb zu, es gab Phasen, da war mein Interesse sehr eingeschränkt, das lag aber ausschließlich an den Drogen und dem damit verbundenen Lebenswandel.

Ich hatte auch nicht übermäßig viel Frauen. Ich denke, falls es da einen Maßstab gibt, ganz normaler Durchschnitt, eher drunter. Und mit den meisten Schnecken, Bitches, Granaten, Ischen- sorry, ich meine natürlich Mädels bzw Frauen hatte ich nicht mehr als ungefähr dreimal Sex. Warum? Da gibt’s mehrere Gründe. Mit den meisten war ich nie zusammen (als Paar, meine ich). Der Aufwand- dieses ewig stressige Anbaggern, Verabreden, über Sachen labern, die mich n Scheiß interessieren, oft sogar einseitig, d.h. ich ließ mich zutexten, Inhalt der Gespräche waren meistens die aktuellen Problemchen der Frau, äußerst selten meine eigenen- und das alles nur für’n Stich. Völlig arm, man verbringt Stunden, manchmal Tage mit einer Person, für die man kaum etwas empfindet, mit der man kaum Gemeinsamkeiten hat, und das alles, um dann- vielleicht- irgendwann ne halbe Stunde im Bett schlechten Sex zu haben.

Naja, sooo schlimm war es dann auch wieder nicht.

Es gab auch die, für die ich nach dem Beischlaf plötzlich doch einiges empfand. Das war dann meist einseitig und in Gefühle verbergen war ich schon immer ne Niete. D.h., wenn ich dann plötzlich eine sms nach der anderen mailte und der Text dann plötzlich nicht mehr locker cool, sondern sülzig verknallt rüberkam, hatte sich das Sexuelle verständlicherweise auch schnell erledigt.

Da es mit den meisten Frauen halt nach kurzer Zeit erledigt war, kam es in den seltensten Fällen dazu, daß soviel Vertrauen entstand, daß es in der Kiste etwas ausschweifender wurde. Die üblichen zwei bis drei 08/15 Stellungen waren dann schon das Krasseste, was sexuelle Erfahrungen anging. Tja, kann gut sein, daß da zwei, drei Frauen wiederum eben doch etwas mehr Experimentierfreude erwarteten. Kurz gesagt, ich war und bin in der Kiste bestimmt nicht der geile Hengst, der jede Frau zigfache multiple Orgasmen beschert und ich schließe nicht aus, daß es manchmal einfach viel zu langweilig war, was ich auf dem Gebiet anzubieten hatte (ich weiß, wer hätte DAS gedacht…).

Ganz zu schweigen von meinen grundsätzlichen Potenzproblemen. Was ich jahrzehntelang meinem Körper angetan habe, und ich konsumiere nach wie vor Methadon und Kippen, das hat eindeutig Spuren hinterlassen. Ganz abgesehen davon, daß man keine 18, aber auch keine 30 mehr ist.

Ich glaube es war im Sommer 09, ich hatte gerade meinen 40.gefeiert. Es ist Freitag abends gegen 8 Uhr, als auf einmal Christiane auf der Matte steht. Eine Exfreundin von einem Bekannten von mir, ich glaube sie ist zu dem Zeitpunkt 27. Ob ich Bock hätte mit ihr ins Deja zu fahren. Klaro! Wir trinken ein bißchen und fahren dann um halb zwölf mit dem Taxi runter. Wir kennen uns seit ein paar Jahren, sind uns auch sympathisch, aber wir haben nie auch nur annähernd miteinander geflirtet. Irgendwann beim Abdancen, fragt sie mich, ob sie denn nachher bei mir pennen könne. Klaro! Sie hat ja ihr Auto bei mir stehen. Als wir bei mir sind, frage ich, ob ich auf dem Sofa pennen soll. Nein, sie hätte gerne, daß wir zusammen im Bett pennen. Klaro! Ich leg mich zuerst hin, in Shorts und Shirt. Und Christiane? Zieht sich komplett aus und legt sich bei mir unter die Decke. Sie steckt mir ihre Zunge im Hals, ich fasse sie an. Sie hat ein relativ hübsches Gesicht, schöne lange Haare, Top- Brüste und ne geile Figur. Gute Voraussetzungen für n Hammerständer! Eigentlich! Und was ist? NICHTS, GAR NICHTS. Auch Christiane kann es nicht wirklich nachvollziehen. Klar, kann passieren- wenn man länger zusammen ist, ne anstrengende Woche hatte oder schon einiges getrunken hat. Nichts davon ist bei mir der Fall. Psychisch? Auf keinen Fall. Ich schäme mich auch jetzt nicht, obwohl es schönere Situationen gibt. Seitdem weiß ich, irgendwas stimmt nicht!

Um nochmal drauf zurückzukommen- irgendwann wurde mir bewußt, daß diese One-Two-Three-Night-Stands sehr wenig mit meiner Lust zu tun hatten. Es ging mir dabei nur um Bestätigung. Daß es noch Frauen gibt, für die ich interessant bin. Um ein „Erfolgs“erlebnis. Das Selbstwertgefühl wieder aufpäppeln, das in den letzten Jahren ziemlich oft brachlag. Und ich glaube, daß es darum in vielen Fällen geht, nicht nur bei mir. Obwohl Sex natürlich wichtig ist. Heute weiß ich auch so, daß ich n geiler Typ bin- bzw ne total arme Sau. Je nachdem…

Die ganzen Mittelchen habe ich getestet. Viagra, Levitra, dieses Gel…Definitiv ne gute Erfindung! Wenn man impotent ist, kann dieses Zeug einem die Lebensqualität retten. Es gibt leider Tage, wo ich meine Probleme habe, aber solange das Ausnahmen bleiben, laß ich die Chemie aus meinem Körper, denn den hab ich schon genug kaputtgemacht. Um nochmal drauf zurückzukommen- daß kaum jemand mehr auf Frauen steht- damit mein ich nicht, daß ich ständig Sex mit Frauen haben könnte, sondern daß ein Leben ohne Frau, ohne Katrin, leer und langweilig wäre. Und irgendwie einsam.

 

Sechser im Lotto?Danke, ich verzichte

1.

Die 50. Story. Als ich vor drei Monaten anfing zu schreiben, hätte ich nie gedacht, daß in so kurzer Zeit so viele Kurzgeschichten entstehen würden. Oder anders ausgedrückt- Entstanden sind sie irgendwann mal, nur sie waren noch nicht auf Papier gebracht. Genügend Zeit war vorhanden, da ich seit Mai nicht arbeiten konnte- und wie jeder andere Mensch, der seit fast 50 Jahren auf dieser Erde lebt, hatte ich ein paar Geschichten zu erzählen. Eins ist allerdings klar, für die nächsten 50 Stories werde ich wohl länger, vielleicht sogar Jahre brauchen. Klar kann ich noch von zig anderen Tagen erzählen, an denen ich geklaut, geraucht, gesoffen, geschluckt, gesnieft und gedrückt habe. An zig verschiedenen Orten mit zig verschiedenen Leuten in zig verschiedenen Jahren. Werde ich sicher auch noch ab und an machen, aber irgendwann wird’s dann doch langweilig, es ist wie arbeiten gehen- ab einem gewissen Punkt ist jeder Tag gleich, auf Dauer passiert eigentlich immer das Selbe. Worüber soll ich sonst noch schreiben? Soll ich meine Meinung über alles Mögliche kundtun? Das ist echt geil an einem Blog, man darf schreiben, was man will- ohne Vorgaben, ohne Verlagsdruck oder sowas. Ein Geschenk, wo geht sowas sonst noch? Hab ich ja auch schon ausgenutzt und meine Ansichten über Dieses und Jenes geäußert- aber ich mach mir nichts vor, wen interessiert schon wirklich meine Meinung?

Eins muß ich ganz klar sagen- ich hätte nicht gedacht, daß Schreiben so ne geile Sache ist und soviel Spaß machen kann. Und dann erntest du von Verwandten, Freunden, Bekannten und sogar per Kommentar von Wildfremden positive Kritik und dir wird mitgeteilt, daß deine Geschichten gut sind und Spaß machen. Ein unglaublich geiles Feeling! Du guckst dir deine Tagesstatistik an und es haben 35 verschiedene Menschen gemeinsam über 100 mal deinen Blog angeklickt. Du stellst deine neue Geschichte bei Facebook rein und am Ende des Tages haben sie sich 60 Menschen  reingezogen. Ein Bestsellerautor lacht über sowas, aber ICH? SECHZIG Menschen lesen an EINEM Tag MEINE Geschichte- das ist schier unfaßbar und haut mich weg. Mein Lieblingsblogger, einer der besten Autoren überhaupt liked meine Geschichten und motiviert mich zum Weiterschreiben. Aber am Krassesten finde ich, daß ich schon in den USA, in Thailand, Vietnam, Bulgarien, Spanien, Italien und der Schweiz gelesen wurde. Ich bekomme es an Hand  einer Weltkarte angezeigt, wenn ich Statistik anklicke. In Spanien und Italien waren es manchmal Bekannte oder Kollegen, die dort gerade Urlaub machten. Aber USA, THAILAND, VIETNAM? Hä? Wer ist denn das? Wie kommen die auf mich? Ausgewanderte Deutsche? Einheimische, die deutsch verstehen? Und nicht nur manchmal- nein- regelmäßig! Ein absolutes Rätsel für mich. Echt stark, daß ich in meinem Alter nochmal soviel Aufmerksamkeit geschenkt bekomme. Und seid doch mal ehrlich- positive Aufmerksamkeit ist doch was Geiles! Keinen Bock groß Rumzusülzen, aber für diesen Kick danke ich jedem, der meine Stories liest.

2.

In den letzten Tagen ist mir wieder bewußt geworden, wie blind und blöd ich mehr als mein halbes Leben lang durch die Gegend gelaufen bin. Kennt ihr das auch, die Suche nach Vorbildern? Im 6.Schuljahr sollten wir mal die Namen unserer Vorbilder an die Tafel schreiben. Zum damaligen Zeitpunkt waren das bei mir: Clint Eastwood und Wolfgang Niedecken. Ich hatte wahrscheinlich kurz davor „The Good, the Bad and the Ugly“ gesehen, ein Sergio Leone Western, den ich heute noch geil finde, mit Eastwood als obercoole Sau. Gleichzeitig war das ne Phase, in der ich oft BAP hörte und Niedecken war seiner Zeit sehr aktiv als Weltverbesserer. Eine Woche später hätte ich wahrscheinlich Robert de Niro und Peter Gabriel an die Tafel gekritzelt oder aber Mickey Rourke und Fish (Sänger von Marillion), oder oder oder. Lothar Matthäus und Boris Becker, zwei Typen, die Vieles im Griff hatten- sicher nicht ihr eigenes Leben. Aber als Sportler fand ich sie mehr als geil. Und für mich als- passiver (!!!) -Sportfreak bis heute die besten Deutschen aller Zeiten, in ihren jeweiligen Sportarten. Charles Bukowski und John Fante, deren Bücher ich verschlungen habe.

Aber je älter man wird, desto vorsichtiger ist man bei dem Wort „Vorbild“. Und wenn, dann denkt man eher an Namen, die mit ihrem Idealismus anderen Menschen nicht unterhalten, sondern geholfen haben. Mutter Teresa, Mohandas Gandhi oder von mir aus der Dalai Lama.

Und dabei hatte ich das einzig WIRKLICHE Vorbild mein ganzes Leben lang direkt vor meinen Augen. In den Nachkriegsjahren aufgewachsen, kam er sehr jung mit meiner Mutter zusammen. Vorletzte Woche hatten sie ihren 55.Hochzeitstag. Seine Liebe schenkte er außer seiner Frau, den jeweils beiden Kindern und Enkelkindern. Von der E- bis zur A-Jugend Trainer von 8- bis 17jährigen werde ich auch 30 Jahre später von ehemaligen Mannschaftskollegen ständig angesprochen, wie es ihm geht und daß es früher ne geile Zeit mit ihm als Trainer gewesen wäre. Nicht der Erfolg hatte Priorität, sondern daß wir Jungs unseren Spaß hatten und keiner zu kurz kam. In seinem gelernten Job als Schmied war er gut, aber seine Passion war der Vorsitz des Betriebsrates, den er über 30 Jahre lang bis zu seiner Rente innehatte. Ein Gewerkschafter durch und durch stand an erster Stelle die Gerechtigkeit innerhalb der Firma. Da ich in derselben seit 29 Jahren arbeite, behaupte ich nicht als Sohn, sondern als Malocher, daß der Ruhestand meines Vaters viel mit der Unzufriedenheit unzähliger Kollegen zutun hat. Er hat sich für seine Kollegen mit Herzblut eingesetzt, über seinen Nachfolger oder der veränderten Firmenmentalität möchte ich nicht schreiben. Ich habe meinen Eltern viel Kummer gemacht, sie standen immer hinter mir. Und jetzt, wo die letzte Etappe unserer gemeinsamen Zeit längst begonnen hat, denke ich, daß er mich niemals zu keiner Zeit gegen einen anderen Sohn eingetauscht hätte. Nicht weil er seine Kinder liebt, sondern weil er mich als Mensch mit all meinen Fehlern nicht nur toleriert, sondern auch respektiert.

Ich kann mich nur wiederholen, ich bin vom Glück gesegnet. Zwei Familien- meine eigene zum einen- mit Menschen, denen ich immer vertrauen kann. Zum anderen Katrin’s Family, bei der ich voll integriert bin, mit Hanna, Katrin’s (unserem) Enkelkind als i-Tüpfelchen. Und das nach zwei Jahrzehnten harten Drogen. N Sechser im Lotto ist dagegen nur n Joke. Ich denke, die 50.Story widme ich euch!20160821_204455.jpg

 

Five days out of Remscheid

16.08.16

Morgen fahre ich mit Katrin für fünf Tage nach Bad Zwischenahn, um dort meine Eltern zu besuchen. Wir fahren mit dem Zug, knapp 300 km, das Kaff liegt direkt neben Oldenburg. Das erinnert mich an den Sommer 96, zufälligerweise genau vor 20 Jahren.

Ich weiß immer sehr gut wo ich wann war, meistens, weil ich mich erinnere, welches Sportgroßereignis gerade zu dem Zeitpunkt lief. Zum Beispiel Urlaub Dom Rep- Pete Sampras gewinnt zum ersten Mal Wimbledon- 1993. Steffi Graf gewinnt zum ersten Mal den Fed Cup- 1988, gesehen in der Glotze im Center Park in Holland. Boris gewinnt  zum ersten Mal Wimbledon-  Caorle, Italien 85, Boris gewinnt zum dritten Mal Wimbledon- Malle 89 . Halbfinale US Open Boris-Agassi, mit Öli auf Ibiza 95. Olympiade- mit Öli und TH auf Texel 04. Auch Alltagserlebnisse. Wann flog ich aus meiner Wohnung? Zwischen EM und Olympiade 08. Usw, usw. Nur auf Nuttensuche am Sonnenstrand in Bulgarien verbinde ich nicht mit Sport, sondern mit Angie’s Wahl zu Germany’s Oberbitch 05.

96 verbinde ich mit der Tour de France. Der Name Jan Ullrich taucht zum ersten Mal so richtig in den Medien auf, er wird Zweiter, aber auch nur weil er seinem Teamkollegen Bjarne Riis den Sieg überläßt.  Eh egal, weil damals alle voll gedopt mit EPO waren und die Rangliste im Nachhinein keine Gültigkeit mehr hat. Übrigens vertrete ich auch da die Meinung, daß Dopen legal sein sollte- sie machen’s sowieso und alle die kontrolliert werden, gucken in die Röhre mit ihren 7., 12. oder letzten Plätzen. Glaubt wirklich jemand, ein Usain Bolt ist sauber? Zu 100% nicht. Trotzdem ist er natürlich der schnellste Mensch der Erde, nur halt nicht in 9,8 Sekunden- ich meine ungedoped.

Komisch, aber daß die Deutschen ne Woche vorher Europameister geworden waren, verbinde ich nicht mit dem Urlaub 96. Hängt sicher damit zusammen, daß ich damals ständig Rohypnol oder Valium intus hatte.

Shit, ich schweife mal wieder ab. Also, 96- meine Eltern fragen mich, ob ich mit ihnen drei Wochen Urlaub in Bad Zwischenahn machen möchte. Ich bin 27 Jahre alt und eigentlich hätte ich in dem Alter mehr Bock auf Malle mit Kumpels o.ä. Aber Mitte der 90er ist die absolute Hochzeit meiner Heroinsucht. Cleane Freunde habe ich längst vergrault, also bleiben nur meine Eltern, die sich vorstellen können es drei Wochen mit mir zusammen  auszuhalten. Und Malle wäre zu dem Zeitpunkt so passend wie n Eisbär in der Sahara.

Vor zwei, drei Jahren sah ich durch Zufall Fotos aus jenem Urlaub. An beiden Armen hab ich fette Abzesse, die noch nicht ganz verheilt sind, meine Augen sind blutunterlaufen mit dicken Rändern, meine Haut ist gelblich.

2000, während meiner ersten stationären Entgiftung machten sie bei meiner Aufnahme den obligatorischen Bluttest. Es stellte sich heraus, daß ich HIV-  und Hep-C negativ war- hallelulja- aber man entdeckte Antikörper der Hepatitis-B, was bedeutet, daß ich sie irgendwann definitiv auch hatte. Eine aggressive Leberentzündung, auch Gelbsucht genannt. Endet aber unbehandelt nicht wie die C- nämlich tödlich mit einer Zirrhose, sondern sie heilt sich von selbst- das Immunsystem bildet irgendwann Antikörper, die ein Leben lang bleiben. Experten würden sagen, ich habe eine „verkapselte“ Hepatitis B, d.h. sie kann bei mir nicht mehr ausbrechen und ich könnte niemanden damit anstecken- wieder im Gegensatz zur C. Zusammengefaßt- ich hab unendlich viel Schwein gehabt. Genausogut hätte ich mir eine damals noch tödliche Krankheit einfangen können, die Chancen dazu waren sogar größer, als „nur“ ne Hep B. Ich hab keine Ahnung, wann ich sie mir gefangen hatte, aber wie gesagt, auf den Fotos bin ich schön gelb….

Ich weiß nicht mehr, ob ich mich krank fühlte, aber alleine die Umstellung von mehr als zwei Gramm intravenös konsumiertes Heroin täglich, auf vier Kappen 2,5%igen ekligen Dihydrocodeinsaft reichte aus, um erstmal einige Tage zombiemäßig rumzulaufen.

Ich brauche Abstand vom Junkiealltag, deshalb habe ich das Angebot meiner Eltern angenommen. Wir fahren viel Fahrrad und auch wenn Bad Zwischenahn ein ruhiges Plätzchen für eher ältere Leute ist- vielleicht aber auch genau gerade deshalb- ich komm endlich etwas runter von all der abgedrehten Scheiße der letzten zwei, drei Jahre.

Zwei Dinge bleiben mir in Erinnerung. Zum einen hat Ajax Amsterdam sein Trainingslager in B.Z. aufgeschlagen, mit dem Fahrrad zwei Minuten von meiner Ferienwohnung entfernt. Ajax hat 05 die Champions League gewonnen, o6 das Finale gegen Juventus nach Elferschießen knapp verloren, vor knapp zwei, drei Monaten. Zwei Mal stelle ich mich abseits der anderen Zuschauer hinters Tor und zieh mir in Ruhe deren Training rein. Ich war, bin und werde niemals Holland- Fan sein, aber neben Trainer Louis van Gaal erlebe ich folgende Spieler fast hautnah: Edwin van der Sar, Danny Blind, Frank und Ronald de Boer, Patrick Kluivert, Marc Overmars macht nach seinem Kreuzbandriß fünf Meter von mir entfernt alleine Übungen ohne Ball. Der nigerianische Riese Nwankwo Kanu, Edgar Davids und Clarence Seedorf sind leider vor Kurzem nach Italien gewechselt, aber immer noch ne geile Truppe. Wenn man Fußballfan ist, geht einem bei solch geilen Kickern einer ab, da kann man die Holländer ruhig hassen, das ändert nichts.

Eine Trainingsübung wird mir auch 20 Jahre später noch als unfaßbar geile Leistung in Erinnerung bleiben und ich bin wirklich beeindruckt. Edwin van der Sar stellt seitlich der Mittellinie ein E- Jugendtor auf. Ziel ist jetzt, vom 5-Meter-Raum aus Bälle in dieses knapp 50 Meter entfernte Tor zu werfen, ohne daß der Ball vorher auch nur einmal auftippt. Edwin macht die Übung über eine halbe Stunde lang, in der Zeit wirft er weit mehr als 150 Bälle, also mehr als vier, fünf Bälle pro Minute. Bei wieviel Versuchen der Ball daneben geht? Null mal! Wie oft Edwin den Ball ins Tor wirft, ohne daß dieser vorher auftippt?  JEDES MAL! Edwin ist kein Mensch. Edwin ist ne Ballmaschine! Ich glaube ohne Übertreibung, bis heute ist das sportlich die größte Leistung, bei der ich anwesend war und die ich mit eigenen Augen gesehen habe, auch wenn es natürlich nicht unter Wettkampfbedingungen stattfand.

17.08.16

Wir sind in OSNABRÜCK und haben tatsächlich endlich einen Sitzplatz, seit wir in DORTMUND eingestiegen sind. Ich schwitze überhaupt nicht, habe gar keine Rückenschmerzen vom Rumstehen der letzten Stunde. Kann mir jemand erklären, warum an einem Mittwoch ein IC mit weiß nicht wieviel Waggons so rappelvoll ist? Als mich die Reisebürofrau fragte, ob ich reservierte Plätze möchte, dachte ich natürlich, wofür mehr Geld bezahlen, wenn eh zig Plätze frei sind. Einmal mehr clever entschieden. Aber was soll’s! Katrin ist eh gut drauf und ich bin immer noch so STARK, daß ich eben für so’n Ömiken ihren Koffer auf die Ablage gehievt hab. Sie hat sich sehr nett bei mir bedankt- wahrscheinlich hat sie an meiner knallroten Birne gesehen, daß ich mich mindestens genauso alt fühle wie sie. Aber ich bin ein netter Mensch- manchmal. Noch zwei Stunden bis Bad Zwischenahn, einschließlich Wartezeit in Bremen.

Das Zweite, das mir in Erinnerung bleibt- Mein Pa und ich gehen in die Zockerburg in B.Z., nicht unten zum Roulette (wir sind in Jeans und Turnschuhen unterwegs, beim Roulette sind Sacko und Schwuchtelschuhe angesagt), sondern oben zu den Einarmigen. Jeder sucht sich ne Kiste und schmeißt ne Mark rein. Wir sind nichtmal ne Minute anwesend, plötzlich klingelt und leuchtet Pa’s Automat, als wäre Kirmes. Drei Kronen! Pa hat den Jackpot geknackt- 2000 Schleifen! Wir klatschen ab, und auch wenn uns der Zockerhallenmensch erklärt, daß Pa sogar 10 Mille hätte gewinnen können, wenn er statt einer drei Mark investiert hätte- wir sind happy, denn aus unserer Family hat noch nie jemand n Blumentopf gewonnen, bis auf die obligatorischen drei Richtigen im Lotto.

19.o8.16

Zwei Tage konnte ich nichts schreiben, weil die Internetverbindung in.B.Z. so beschissen ist. Jetzt sitzen Katrin und ich im Mäckes, hier kann man für lau zwei Stunden ins Netz, und die Verbindung ist Top! Katrin trinkt n Latte (Mc Café), ich n fetten Erdbeershake. Mein Arsch tut weh und ich hab Muskelkater wie Sau- seit zwei Tagen fahren wir Fahrrad, eigentlich voll geil, aber ich glaub mein Körper ist das reinste Wrack. Vom Übergewicht abgesehen, zwickt es überall. Mein linke Hand schläft ständig ein, im Oberschenkel hab ich ne leichte Zerrung, unter meinem rechten Fuß sticht es ständig und als wenn das nicht reichen würde, hat sich am meinem dicken Onkel so ne scheiß Mücke letzte Nacht vergriffen. Trotzdem fühl ich mich gut. Das Wetter ist geil., meine Freundin ist klasse und alles könnte viel schlimmer sein!

Hatte hier schon das ein oder andere Déja Vù.

Von den 2000 D- Mark drückt mir Pa gleich zwei Hunnis in die Hand…Ein Tag später sitze ich im Zug und fahr zur Bremer Platte. Kaufe mir Schore und Koks. Nicht viel, aber mein Vorsatz die drei Wochen sauber zu bleiben ist dahin. In meiner kleinen Ferienwohnung, zwei Etagen unter meinen Eltern, setz ich mir die Knaller, nachdem ich in der Apotheke Spritzen und Asco besorgt habe. Erst Weiß, dann Braun- Bad Zwischenahn ist der schönste Ort der Welt…

Katrin und ich haben die selbe Wohnung, die ich vor 20 Jahren hatte. Die Schränke sind neu, der Tisch, den ich damals von meinem Blut abwaschen mußte, immer noch der Selbe. Aber mein Feeling ist anders. Ich werde NICHT nach Bremen zur Platte fahren, selbst wenn Pa diesmal 10 Riesen gewinnen sollte. Meine Knochen schmerzen, ich bin 20 Jahre älter. Ich vermisse meine Katze, aber sonst ist alles gut…20160818_134026.jpg

Probleme auf der Ersatzbank

Ich glaube Weihnachten 91 war ich zum ersten Mal leicht entzügig. Ich weiß noch, in der Nacht vom 25. auf 26. lag ich nachts im Bett, konnte nicht pennen, hatte eine ekelig unangenehme Unruhe in mir, schwitzte, fror und hatte Suchtdruck wie noch nie zuvor. Es war ein Schock. Mir war klar, daß dieser Moment irgendwann kommen würde, aber mit diesem Feeling hatte ich nicht gerechnet. Vorher hatte ich zum ersten Mal mehrere Tage nacheinander Heroin geraucht. Ich kannte die Darstellung eines Turkeys- oder auch Affen schieben genannt- nur aus „Christiane F.-Wir Kinder vom Bahnhof Zoo.“ Natürlich wird das in dem Film völlig unrealistisch und übertrieben dargestellt. Drei Tage krasse Rumkotzerei und Krämpfe am ganzen Körper und dann ist gut- so läuft ein Entzug nicht unbedingt ab. Allerdings war Christiane 13 (!) Jahre alt und schon ziemlich heftig am Drücken, d.h. ich will gar nicht ausschließen, daß es bei ihr so ähnlich gewesen ist.

Auf der einen Seite war ich froh, daß das mit dem Kotzen und Krampfen nicht so war, aber keiner hatte etwas von Schlaflosigkeit und dieser wirklich unbeschreiblich beschissenen Unruhe erzählt. Da wußte ich allerdings noch nicht wie heftig ein Turkey sein kann, wenn man sich erstmal wochenlang zwei Gramm täglich in die Venen ballert und dann plötzlich ohne Opiate dasteht.

Ich erinnere mich nicht mehr wie und woher ich damals dann was bekam. Nur, daß mein erster Ersatzstoff Remedacen, codeinhaltige Kapseln waren. Allerdings mußte man schon ne halbe Schachtel schlucken, um sich einigermaßen wohlzufühlen.

Ich bin gerade am googlen und bin auf einen Bericht auf der Zeit Online Seite vom März 89 gestoßen, krasse 27 Jahre her. Darin wird beschrieben, daß ein Arzt Berufsverbot erhält, weil er Junkies eben diese Kapseln verschrieben hat. Ich bin heute noch der Meinung, daß Süchtigen vielzuviel Steine im Weg gelegt werden und wenn ihr glaubt, daß das nur die Meinung eines Betroffenen ist, dann unterhaltet euch mal mit meiner Drogenberaterin, deren Name ich hier ebenso wenig erwähnen werde wie den meines Methadonarztes, denn der Schuß könnte irgendwann nach hinten losgehen. Ich stelle mir nur gerade vor, wie unfaßbar nazimäßig die Gesetze in den 80er waren, jedem Süchtigen wurde die Möglichkeit arbeiten zu gehen verwehrt. Keine Methaprogramme, kein Codein- nichts was einem Junkie aus seinem Elend geholfen hätte. Nur Kriminalisierung!

Das war genau die Zeit, als mein Kumpel Toni für ein Gramm Haschisch ein Wochenende im Jugendknast landete, mit Gerichtsverhandlung und allem. Die Zeit, als wir kleinen Kiffer bei meinem Kumpel Ralle vor der Glotze Fußball guckten, zugegebenermaßen mit ner Blubber auf dem Tisch, und auf einmal Schulz und Lehmann, die beiden obersten Drogenbullen Remscheids mit nem Durchsuchungsbefehl auf der Matte standen, ohne daß jemals einer von uns auch nur ein Gramm vertickt oder gedealt hatte. Und weil sie nichts fanden, drückten sie Ralle ne fette Geldstrafe rein- wegen der Blubber.

Mein Lieblingsblogger Andreas Glumm schreibt in einer seiner Stories, daß der Job eines Drogendealers im Allgemeinen ehrenwerter wäre als beispielweise der eines Versicherungsvertreters, Bänkers u.ä. Ich teile seine Meinung! Beim Drogendealer geht’s um Angebot und Nachfrage, um ein faires Geschäft (ich rede weder von der großen Drogenmafia, noch von den kleinen Straßendealern, sondern von den Zwischenhändlern), bei den anderen Jobs geht es darum wie man am Besten an unser hart verdientes Geld rankommt. Je geringer die Gegenleistung, desto mehr Kohle wandert in deren eh schon gefüllten Kassen. Wem ich eher mein Geld anvertrauen würde- Targobank oder Plattenjunkie? Da müßte ich lange überlegen. Würde wohl auf das Selbe rauskommen.

Da Methaprogramme auch in den 90ern sehr rar waren, war der nächste Ersatzstoff der sogenannte DHC (Dihydrocodein)-Saft. Der selbe Wirkstoff wie bei den Remedacenkapseln, zwischen 0,5% und 2,5% codeinhaltig, je nachdem wie hoch dosiert man war. Ich glaube, einmal bildete ich mir ein, nur 2% zu benötigen, sonst ließ ich mir immer 2,5% verschreiben. Das Zeug konnte einem jeder Arzt verordnen, im Gegensatz zum Methadon.

Die Nachteile von Dihydrocodein: unschön! Abgesehen davon, daß die Entzugssymptome bei dem Zeug ähnlich wie bei Metha viel heftiger sind und viel länger andauern, gibt’s da noch eine kleine kaum nennenswerte Nebenwirkung…Der Stoffwechsel kommt zum Stillstand. Was das heißt? Man ißt ein Tag normal drei Malzeiten, zwei Tage, drei Tage- man kann nicht auf’s Klo. Eine Woche, zwei Wochen- und du kannst immer noch nicht kacken. In der dritten Woche legt man dann „Hand an“, nachdem man erfolglos zig verschiedene Abführmittel geschluckt hat.  Mit Hilfe eines Teelöffels hilft man sozusagen nach. Das Ergebnis nach dem man eine Stunde unter Höllenqualen auf dem Pott war: Kotsteine, fast so groß wie Babyköpfe, das Klo ist voller Blut. Es gibt Junks, die das nicht konnten, die heute einen künstlichen Darmausgang haben.

Wundert wohl keinen, daß das Zeug heute nicht mehr verschrieben wird. Aber im Gegensatz zu 1989 aus den richtigen Gründen- nicht um zu verhindern, daß Süchtige ihren Ersatzstoff erhalten, sondern weil die Nebenwirkungen unverantwortlich sind.

Als Nächstes stand Buprenorphin an, später unter dem Namen Subutex erhältlich. Mitte der 90er war es unter uns Junks von heute auf morgen in aller Munde. Was allerdings weder wir, noch anscheinend die Ärzte damals wußten: Es ist Opiat und Opiat- Blocker in einem. Das heißt, man muß ca 30 Stunden, besser noch 36 Stunden frei von Opiaten sein. Schluckt man eines dieser Dinger und deine Rezeptoren sind nicht opiatfrei, setzt sozusagen ein Turboentzug ein, kurz gesagt, es passiert genau das, was du durch die Dinger vermeiden wolltest, und das mal drei. Und da wir Junkies alle den Hang haben, nicht solange warten zu können, schießen sich die Meisten ein fettes Eigentor. Grund genug, daß ich bis heute meine Finger davon lasse.

Micha machte mit dieser Scheiße eine ganz besondere Erfahrung (https://adahmblog.wordpress.com/Spanien sehen und sterben)

Hassi dagegen durfte Versuchskaninchen spielen. Eines Tages in jener Zeit, meinte der Doc, von dem wir bis dahin die DHC-Plörre verschrieben bekamen, daß was ganz Neues auf dem Markt wäre- Buprenorphin. Ein Wundermittel- man nimmt’s und ruckzuck ist man weg von der ganzen Scheiße, geheilt sozusagen. Klar ließ sich Hassi drauf ein. Das mit den 30-36 Stunden hatte ihm der Doc allerdings nicht gesagt. Nachmittags setzte sich Hassi den letzten Schuß, fünf Stunden später schluckte er das Subutex. Mitten in der Nacht wurde unser Super- Doc aus dem Bett geklingelt, weil Hassi’s Eltern dachten, ihr Sohn würde sterben. Der bekam natürlich die große Panik, weil er den Punkt mit den opiatfreien Rezeptoren doch glatt als unwichtig eingestuft hatte. Hassi überlebte, aber es war wohl die bis heute schlimmste Nacht seines Lebens. Als Nächstes hätte der Stümper mit Sicherheit mir die Dinger aufgeschwatzt. Schwein gehabt!

Ich sollte wohl trotzdem erwähnen, daß es auch Süchtige gibt, die es mit Hilfe von Subutex geschafft haben, clean zu werden. Man kann sich damit wohl viel schneller und kontrollierter als mit Methadon runterdosieren. 20 Jahre später, weiß man natürlich, was man da schluckt und die Ärzte sind viel aufgeklärter als damals.

Seit Ende der 90er bin ich mit kurzen Unterbrechungen im Methaprogramm. Bei all den Ersatzstoffen gibt es einen ganz entscheidenen Haken- sie bewahren dich vor dem körperlichen Entzug, ermöglichen dir ein einigermaßen stabiles Leben, aber den Suchtdruck, die psychische Abhängigkeit nehmen sie dir nicht. Deshalb haben 95% aller Methaschlucker Beikonsum. Tja, und wenn sich der Arzt an die gesetzlichen Vorgaben hält, dann sind die meisten Junks schneller aus dem Methaprogramm rausgeflogen, bevor sie bis drei zählen können. Denn sollte deine Urinkontrolle (UK) dreimal positiv sein, dann bist du draußen. Jeder Junkie ist schon mit gefaketem Urin rumgelaufen. Problem dabei: finde jemanden, der Metha nimmt, aber sonst nichts, denn Metha MUSS ja logischerweise im Urin sein, der Arzt ist ja nicht total blöd. Und einfach ein paar Tropfen aus dem Methafläschchen reintröpfeln, bringt nichts. Die Testmethoden sind so modern, daß die sehen können, ob das Metha mit ausgepißt- oder erst später hinzugefügt wurde.

Es gibt Ärzte, die stellen sich beim Pissen neben dich. Auch die Situation kennt jeder Junk- du hast gefaketes Urin dabei und mußt es irgendwie in das Testdöschen reinbekommen, ohne daß der Doc es mitbekommt. Der guckt dir zwar nicht direkt auf deinen Schwanz, steht aber drei, vier Meter entfernt neben dir. Da wird der Junk kreativ. Zum Beispiel ne Dose Nasivin gefüllt mit Pisse. Vorne in deiner Unterhose. Das muß mehrfach trainiert und studiert werden, bis man den Doc sicher bescheißen kann.

Letztens unterhielt ich mich mit einem Arbeitskollegen, mit dem ich seit über 25 Jahren in der selben Firma arbeite. Hat nichts mit Drogen zutun. Plötzlich erzählte er, daß er nie in seinem Leben vergessen würde, wie ich ihn mal um seine Pisse angebettelt hätte. Ich kann mich nicht daran erinnern, aber es wird wohl stimmen. Muß fast 20 Jahre her sein, als die Testmethoden wohl noch nicht so modern waren. Naja, jedenfalls wäre das die unfaßbarste Situation gewesen, an die er sich erinnere. Ich hätte wohl gefleht und gebettelt und ihm am Ende sogar Kohle für seine Pisse geboten. Würd sagen, ich muß ziemlich verzweifelt gewesen sein…

Mein erster Methadoc war in Remscheid Hasten. Der Typ wollte, daß ich erstmal täglich komm. Daß ich n Job, aber kein Auto hatte- natürlich mein Problem. Hätte mein Pa mich nicht ständig gefahren, wäre das von Anfang an nicht möglich gewesen. Die Arroganz der Arzthelferin- ekelhaft und widerwärtig. Du wirst ständig dran erinnert, daß du ein Mensch zweiter Klasse bist. Am Ende war ich kurz davor ne Bombe in die Praxis zu schmeißen, so’n Haß hatte ich. Dann lieber jeden Tag Platte als so ne unwürdige Scheiße.

Irgendwann, Anfang der 2000er hatte ich das unfaßbare Glück, daß ein Arzt hier in Lüttringhausen, der mich kennt, seit ich 13 bin, eine Methadonsubstitution anbot und mich in sein Programm aufnahm. Kein Arschloch in Weiß, sondern ein echter Mensch, der auch mal ein Auge zudrückt, vorausgesetzt man übertreibt es nicht und ist offen und ehrlich. Es gibt wirklich so Junkiewichser, die dann von den Bullen mit mehr als 100 Methapillen gekrallt wurden und um ihren Arsch zu retten, aussagten, daß der Doc es nicht so genau hält mit den Vorgaben. Mit anderen Worten, daß er nicht verlangt, daß man jeden Tag antanzt und einem die Dinger gleich  für eine ganze Woche mitgibt. So schaufeln wir Süchtigen weiter an unserem Grab. Der Doc durfte vor Gericht antanzen und wurde verwarnt.

Natürlich werden mit Methadonpillen Geschäfte gemacht. Beispiel: ich erzähl dem Arzt, daß ich drei am Tag, also 21 die Woche brauch. In Wahrheit brauche ich aber nur zwei, sprich 14 die Woche. Die sieben Übrigen verkaufe ich a 4€, also habe ich 28€ , das sind dann weit mehr als 100€ im Monat. Und auf Rezept kosten mich die 21 Pillen selber nur 5€ in der Apotheke. Zusammengefaßt bekomme ich so nicht nur meine Ration, sondern mache monatlich auch noch knappe 80€ Gewinn.

Soll ich mich darüber aufregen? Wenn die Leute blank sind, dann läuft sowas eben ab. Aber wenn es dann auffliegt, ist der Arzt ganz schnell mit dran.

Mein Doc hat längst das Rentenalter erreicht, es ist nur noch ne Frage der Zeit, wann er abtritt. Einmal alle sechs Monate muß ich mir bei meiner Drogenberaterin n Stempel holen, womit bestätigt wird, daß ich keine sozialpädagogische Unterstützung brauche, anders ausgedrückt, daß ich kein Vollproll bin und man mir das Metha bedenkenlos mitgeben kann. Echt stark mit 47. Jedenfalls kennen wir uns seit Jahren und wir reden dann immer ne halbe Stunde über private Dinge, beide, wir verstehen uns mittlerweile wie alte Kumpels, den Stempel bekomme ich immer gleich als erstes. Jedenfalls weiß ich von ihr, daß sie in Remscheid keine Ärzte finden, die das Methaprogramm übernehmen wollen- keiner will Junkies in seiner Praxis. Was ich sehr gut verstehe, es sind einfach zuviele Assis dabei, mit denen man als Arzt mehr Streß als alles andere hat und die die anderen Patienten abschrecken. Die Remscheider Politiker wissen allerdings genau, daß die Kriminalität kraß ansteigen wird, sollte kein Nachfolger gefunden werden.

Das heißt, in nicht allzu ferner Zukunft hab ich ein fettes Problem an der Backe. Seit Jahren hol ich einmal die Woche mein Rezept, löse es ein und alles ist gut. Das ist dann vorbei. Dann kann ich mir aussuchen, ob ich wieder täglich vor oder nach der Arbeit irgendwohin nach Remscheid oder sogar Wuppertal fahren darf, um mich mit neuen Ärzten und Arzthelferinnen rumzuärgern. Oder doch nochmal ne Entgiftung, ohne die Gewißheit, nicht doch wieder rückfällig zu werden, denn süchtig bleib ich mein Leben lang. Tolle Aussichten mit fast 50.

Ich hätte für die ganze Scheiße ne Lösung anzubieten: Legalisiert endlich alles. Alle Drogen, ob weich oder hart- mit die härteste, Alkohol, ist doch auch seit Ewigkeiten legal. Weil die Prohibition damals das halbe Volk in die Illegalität stürzte. Gab es einen Trinker weniger als Alk verboten war? Nein. Es geht doch gar nicht darum, ob der Konsum gut oder schlecht, gefährlich oder ungefährlich ist. Natürlich ist jeder Konsum dieser Substanzen falsch. Obwohl ein Glas Wein auch gut sein kann, ebenso wie Cannabis bei manchen Schwerkranken anschlägt und Opiate nicht nur in Asien medizinisch hilfreich sein können. Nehmt meinem Vater mal sein Morphium weg, mal schauen was passiert.

Ich schweife ab- Konsum ist grundsätzlich Scheiße. Aber darum geht’s doch gar nicht. Wir Menschen sind halt so. Wir wollen, wir brauchen den Rausch. Der eine so, der andere so. Steckt mich im Knast, wenn ich einem Kind Drogen gebe, aber laßt mich meine Pfeife rauchen, Nase ziehen, Spritze setzen. Im schlimmsten Fall schade ich mir selbst. Und wenn ihr mir das verbietet, tu ich’s trotzdem. Rafft ihr das echt nicht? Das hat was mit logischem Denken zutun. Aber unsere Gesellschaft und logisch Denken- darüber könnte man n Roman schreiben…Oder es lassen!20160814_135235

 

 

Im Offenen (1)

Wenn ich mir meine Stories durchlese, komm ich ja manchmal sehr cool rüber. Fakt ist, daß die meisten Handlungen Jahre her sind und gerade die Dialoge habe ich nur noch vom Inhalt her in Erinnerung. Zum Beispiel schreibe ich hier von einer Situation, wo ich vor sämtlichen Knastbeamten reden mußte. Wie gesagt, vom Inhalt her war alles so. Daß ich bei meinen schlagfertigen Antworten rumgestottert und geschwitzt habe, erwähne ich hier nicht. Und in anderen Stories auch nicht. Interessiert das jemanden? Genau, völlig unwichtig….

Diesmal bin ich schlauer. Drei Wochen lang kein Alk, Drogen erst recht nicht, aber auch keine Valium gegen Schlafprobleme oder sowas. Nur Metha, aber ich habe ja die Bestätigung, daß ich im Programm bin. Die selbe Schließerin, die mich vor nem halben Jahr zum Abpissen gebracht hat, der selbe Homo- Arzthelfer, den ich die selben nervenden Fragen beantworten muß. Danach Pissen. Im Gegensatz zu damals, habe ich diesmal keinen Zweifel, daß meine UK negativ ist. Ansonsten wäre ich wohl der erste Mensch, der nach drei Wochen Abstinenz positiv ist. Am vorletzten Tag, bevor ich im Dezember entlassen wurde,hatte ich mit dem Obermacker der Schließer ne krasse Diskussion.

Oberschließer: „Wenn man den Brief zum Haftantritt erhält, hat man mindestens noch zwei Wochen Zeit. Da man nach spätestens zehn Tagen Abstinenz in jedem Fall sauberen Urin hat, kann sich jeder darauf vorbereiten.“

Ich: „Das ist nicht richtig. Ich war 14 Tage abstinent und mein Urin war positiv.“

OS: „Das kann unmöglich sein, sie erzählen hier Blödsinn.“

Ich: „Ich hab es doch selbst erlebt. Und ich hab mich mit SICHERHEIT bei den Tagen nicht verzählt. Glauben Se’s mir.“

OS (typisch arrogant gegenüber dem Scheiße labernden Knasti): „Ich mach den Job seit über 20 Jahren. Was Sie hier erzählen kann unmöglich sein.“

Ich: „Ich werde in zwei Tagen entlassen, es gibt keinen Grund für mich Ihnen hier irgendeinen Blödsinn zu erzählen. Sie sind vielleicht seit über 20 Jahren in Ihrem Job, ich nehm seit über 20 Jahren Drogen. Was denken Sie, wer mehr Ahnung von sowas hat?“

Danach war das Gespräch beendet. Wie kann ein asozialer Drogenknasti die Kompetenz eines erfolgreichen Knastbeamten anzweifeln? Bzw nicht die Kompetenz, sondern den Blödsinn, den dieser verzapft.

Ich hab’s erlebt, ich war 14 Tage abstinent und meine UK war positiv. Warum? Weiß ich doch nicht, bin ich Arzt? Ich könnt mir vorstellen, daß es bei einem Langzeitabhängigen länger dauert, bis der Körper die Gifte abbaut und bis der Urin sauber ist. Fakt ist, daß ich wegen dieser Scheiße meine erste Haftzeit nicht im Offenen verbringen konnte, sondern in einer beschissenen Knastzelle.

Ist auch egal, das war vor nem halben Jahr. JETZT bin ich negativ- und kann meine vier Monate im Offenen abreißen.

Die Schließerin, Schwertfeger heißt sie, fragt mich, ob ich Interesse hätte, in Haus 1 in ein Drei-Mann-Zimmer eingeteilt zu werden. Ich frage sie, worin der Unterschied zu den anderen Häusern bestehen würde.

„In Haus 1 sind die meisten Insassen nicht jünger als 30, einige auch älter als Sie, kaum einer macht Streß, hauptsächlich ruhige Leute. In den anderen Häusern sieht das schon etwas anders aus. Könnt mir vorstellen, Sie passen da gut rein. Und seit gestern ist da ein Bett freigeworden.“

Es wird sich rausstellen, daß Fr. Schwertfeger mit Abstand die korrekteste Schließerin ist. Aber dafür könnte ich sie im Nachhinein knutschen. Es ist genauso wie sie sagt, in Haus 1 fühl ich mich vom ersten Tag an sauwohl, versteh mich mit den meisten Jungs total gut. Ich habe nichts gegen Ausländer, aber im Knast bist du als DEUTSCHER unter den Ausländern schnell Außenseiter, vor allem wenn du auch noch 20 Jahre älter bist. In Haus 1 sind nur Deutsche.

Am zweiten Tag muß ich zu der Knastsozialarbeiterin. Von ihr ist u.a.abhängig wann man wie oft Freigang hat Ich bin noch nicht dran und setz mich vor ihrem Büro auf’n Stuhl. Nach drei Minuten kommt ein Typ raus, knallrote Birne, Tränen in den Augen. „Blöde Schlampe!“ Na super! „Sie können jetzt reinkommen!“ Mein erster Gedanke ist „Geile Sau!“ Definitiv n Schuß- nur gelacht hat sie glaub ich noch nie. Ich behaupte, daß ich mich mit meiner Laberei schon aus heiklen Situationen gerettet hab. So wie ich es gerade brauch. N Kompliment hier, n kleiner Scherz da, Rumsülzen- eine meiner Stärken. Und wenn’s sein muß, kann ich mich sogar ernsthaft unterhalten. Aber bei der Alten beiß ich auf Granit. Als wir fertig sind muß ich dem Kollegen Recht geben: „Blöde Schlampe!“

Am dritten Tag wirst du in einen Raum bestellt. Da drin sitzen: alle Schließer des Offenen, die Sozialbitch und der Chef des Offenen (gleichzeitig Stellvertreter der Gefängnisdirektorin). Man stellt mir Fragen.

„Sie sind vor Ihrer Haftzeit positiv auf Drogen getestet worden. Können Sie garantieren, daß Sie in den nächsten vier Monaten sauber bleiben? “

„Wie soll das denn gehen? Ein Drogensüchtiger soll garantieren, daß er clean bleibt? Soll ich Sie belügen? Ich kann versprechen, daß ich es ernsthaft versuchen werde, aus dem einfachen Grund, weil ich meine Zeit nicht in einer Zelle verbringen will. Und weil ich bei meinem Chef in Erklärungsnot kommen würde, wenn ich schon wieder monatelang fehle.“

Der Chef grinst.

„Sie sind sehr ehrlich. Frau Steffens hier, mit der Sie sich gestern unterhalten haben, meint, Sie sollen sich erstmal bewähren, bevor Sie Ausgang bekommen. Das heißt, Sie können ganz normal arbeiten gehen, Ihr Methadon beim Arzt holen, eine Stunde am Tag Besuch empfangen und wenn Sie sich nach zwei Wochen an alle Regeln gehalten haben, kekommen Sie eine gewisse Anzahl an Stunden Ausgang pro Woche. Sie können sich hier frei bewegen,d.h.Tischtennis spielen, einen Gummiplatz mit zwei Toren haben wir hier, einen Kraftraum- aber Sie sind ja schon zwei Tage hier…“

Naja, zwei Wochen keinen Ausgang- gibt Schlimmeres. Am Abend zocken wir MauMau um Kohle. Am besten versteh ich mich mit Dieter, einem 60jährigen Solinger, der hier drin ist, weil er ein paarmal ohne Fleppe angehalten wurde. Ich gewinne knappe zehn Euro. Würd sagen ich bin angekommen!img_3199349149321

Smoke is in my brain

Laßt euch nicht einreden Cannabis wäre die Einstiegsdroge. Und laßt euch von Kiffern nicht erzählen Alkohol wäre die Einstiegsdroge (obwohl Alk vorm Kiffen kommt). Für 99% aller Drogis istTabak die wahre Einstiegsdroge. Die Substanz und die Wirkung sind nebensächlich- die Parallelen zwischen der ersten Kippe und dem ersten Heroinfix liegen ganz woanders. Die Neugier steht an erster Stelle. Was ist so toll daran, warum konsumieren so viele Menschen diesen Dreck? Als Zweites steht der Kick, das Adrenalin, das ausgeschüttet wird, wenn man etwas Verbotenes macht. Klar, Kippen sind erlaubt, aber nicht wenn man 12 oder 13 Jahre alt ist. Man hat weniger Angst vor dem Gesetz, als vor Mama und noch mehr vor Papa. Wenn man sich den ersten Schuß setzt hat man schon so oft gegen das Gesetz verstoßen,so daß man sich darüber in dem Moment nullkommanull Gedanken macht. Das kommt später, wenn man das Zeug aus Holland reinschmuggelt und sich natürlich durch irgendwelche illegalen Aktionen das Gift finanzieren muß. Aber man hat oft genug gesagt bekommen: Nimm niemals Drogen und Heroin bringt dich um. Ach ja, eine Parallele gibt’s noch, zumindest bei mir- die Heftigkeit der Sucht.

Ich bewundere Menschen, die von heute auf morgen aufhören zu rauchen. Bei Heroin geht das nicht so einfach, weil der körperliche Entzug so kraß ist. Die psychische Abhängigkeit ist bei mir persönlich fast gleich. Ich würde sogar sagen, Rauchen ist krasser, wegen der Gewohnheit. Ich rauche 20 Kippen am Tag, hab mir aber nie 20 Spritzen am Tag gesetzt. D.h., daß ich mich 20 mal am Tag überwinden müßte, mir nicht ne Fluppe anzustecken. Natürlich habe ich Heroin 24 Stunden am Tag im Hinterkopf, wenn ich damit aufhören will, aber ich werde nicht so direkt damit konfrontiert. Z.B.nach dem Essen- steck ich mir eigentlich ne Kippe an. Nach dem Sex- steck ich mir eigentlich ne Kippe an. Wenn ich n Fußballspiel seh, was ich spannend find- steck ich mir eigentlich ne Kippe an. Usw- und damit komme ich nicht klar. Seit ich abends kein Heroin mehr konsumiere, habe ich ca 30 kg zugenommen…

Was wäre, wenn ich mit dem Rauchen aufhören würde? In Nullkommanix wäre ich ein Walroß! Mein Suchtverhalten, mein nicht vorhandener Wille ist unterste Schublade und entspricht in keinster Weise meinem Denken. Aus lauter Frust darüber, könnte ich mir sofort ne Fluppe anstecken- aber erst, nachdem ich am Kühlschrank war…Selbstverachtung ist nichts Schönes! Die Frage ist, bin ich noch therapierbar?

1. 1979

Micha schläft heut nacht bei mir. Meine Eltern rauchen beide nicht, aber ich weiß, daß im Wohnzimmerschrank seit Längerem drei Schachteln Kippen liegen- Ernte 23, Stuyvesat und Atika. Warum die da liegen? Keine Ahnung. Nachdem wir sicher sind, daß meine Eltern schlafen, schleichen wir (ich glaub beide) ins Wohnzimmer, schließen extrem vorsichtig den Schrank auf, krallen uns die Atika und nehmen zwei Kippen aus der Schachtel. Jeder pafft jeweils eine bei mir im Zimmer, von „auf Lunge rauchen“ haben wir bis dahin noch nie was gehört. Wie die Kippe schmeckt, weiß ich nicht mehr, aber die ganze Aktion ist extrem aufregend.

Nachdem wir Micha am Tag danach nach Hause gebracht haben, sagen meine Eltern auf der Rückfahrt plötzlich zu mir (hauptsächlich redet mein Pa):“Paß auf, wir vergessen, daß ihr letzte Nacht einfach zwei Zigaretten geklaut und geraucht habt, aber erwischen wir dich dabei nochmal, war’s das für dich mit dem Fußball!“ Ich bin schockiert, nicht wegen der Androhung (niemals würden sie mir das Kicken verbieten, außerdem ist es für meinen Vater das Größte, mich trainieren zu können), sondern daß sie das überhaupt bemerkt haben. Natürlich verspreche ich hoch und heilig, daß das nie wieder vorkommt.

Die nächste Erfahrung mit Kippen ist besonders toll. Direkt bei Micha an der Ecke, ist ein Tante-Emma-Laden, in denen sich ein Dutzend Barmagmalocher in der Mittagspause ihr Bier holen. Sie setzen sich einfach auf den Bürgersteig, trinken und rauchen, bis die Pause rum ist. Wir sammeln die Kippenstummel auf, viele sind nur bis knapp über die Hälfte geraucht worden…

Dann kommt die Zeit, in der wir uns die ersten Schachteln am Automaten ziehen. Zuerst R6, dann Marlboro. Für 3 D-Mark, am Spielplatz hängt sogar ein Automat, wo die Kippen nur 2 D-Mark kosten. Wir rauchen entweder versteckt in den Sträuchern an der Rollschuhbahn oder klettern in eine kleine Holzhütte des Spielplatzforts. So ein hammergeiles Fort gibt es 35 Jahre später an keinem Spielplatz in ganz Deutschland, ein Traum, wenn man Cowboy und Indianer spielen will. Aber wir sind ja schon fast 11, also rauchen wir stattdessen lieber. Die Schachtel wird sofort weggequalmt, jeder zehn Kippen nacheinander-aber nach wie vor paffen wir nur.

2. Sommer 1981

Wir machen Urlaub in Tirol. Dabei sind: meine Eltern, meine Großeltern, meine Sis Michaela, Micha und ich. Die Pensionsinhaber kennen meine Eltern seit fast 20 Jahren, meine Großeltern noch länger. Im Nebenzimmer wohnt ein Pärchen, er arroganter Schnösel, sie hohle Tussi. Wir sind knapp eine Woche hier. Ich geh die Treppe hoch um etwas aus dem Zimmer zu holen. Die Zimmertür der beiden Dummbirnen steht weit offen, an der Tür steht- Ela. Sie erschreckt sich total, als ich um die Ecke komm. Ich raff erstmal gar nichts. Warum steht sie da? Warum die Panik? Sie legt den Zeigefinger auf ihre Lippen. Ich komm näher….Micha kniet gerade vor dem Nachtschränkchen und durchsucht die Schublade. Ich faß es nicht.

„Seid ihr bescheuert?“

Ich werde erstmal ignoriert.

„Jawoll!“

Micha hebt den rechten Daumen, in der linken Hand zeigt er stolz eine Schachtel „Eve“, die Kippenmarke, die die hohle Frucht quarzt.

Schonmal gehört? Eve ist tatsächlich ne Marke von Philip Morris (Ernte 23 , Stuyvesant, Atika und R6 sind alles Marken von Reemtsma, was ich gerade eben gegooglet habe, also einfach Zufall). Sie sind lang und dünn und total leicht. Echte Witzkippen.

Ich rege mich tierisch über die beiden auf, wie sie sowas machen können, so sehr daß es zwischen Micha und mir zu einem kleinen Gerangel ausartet, was in dem Alter bei uns regelmäßig vorkommt. Ich geb’s ungern zu, aber der kleine Sack ist stärker als ich und meistens ende ich bei ihm im Schwitzkasten. Es gibt nur Weniges, was mich wütender macht. Es ist jedes Mal zum Kotzen. In Wirklichkeit bin ich nur enttäuscht, wie sie diese Aktion ohne mich planen konnten. Natürlich will ich Mitrauchen.

Es ist 35 Jahre her, aber ich muß die beiden demnächst unbedingt nochmal fragen, warum sie mich damals nicht eingeweiht haben. Schweine! Aber das ist für mich auch die Erklärung, wo ich später bei eingen Aktionen meine kriminelle Energie herhatte- eindeutig von meinem Schwesterchen und meinem Cousin. Die haben’s mir damals vorgemacht. Glasklarer Fall!

Wir suchen uns ein Plätzchen, zehn Minuten zu Fuß entfernt, wo uns keiner sehen kann und wo wir in Ruhe qualmen können. Ela erklärt uns jetzt wie man auf Lunge raucht und daß Paffen Kinderkacke ist. Na gut! Ich glaube ich rauche nur eine einzige Kippe. Lunge rauchen ist ja echt was anderes, der Qualm geht nicht wie beim Paffen in sämtliche Richtungen wie bei einer Dampflock, nein, man bläst den Qualm schön gerade aus. Während des Redens kommt der Qualm aus Nase und Mund, wie in Filmen. Das ist cool!

Auf einmal wird mir schwindelig. Und mir ist schlecht. Sehr, seeehr schlecht. Micha und Ela meinen, daß ich weißer als ne Wand bin und daß wir besser mal zurückgehen sollten. Nach zwei Schritten fange ich an zu kotzen wie selten zuvor. Ich höre gar nicht mehr auf.

Als wir an der Pension ankommen, erzählen wir, daß ich mir anscheinend irgendwo den Magen verdorben habe. Als meine Ma mich sieht, steckt sie mich sofort ins Bett.

Ich habe die leichteste Kippe der Welt geraucht, auf der Schachtel ist kein Raucherbein o.ä. abgebildet- Blümchen sind darauf- bunte Blümchen. Nur Tussis und Schwuchteln rauchen diese Marke. Und ich, der coolste 12jährige ever, kotze mir von einer einzigen dieser Kippen die Lunge aus dem Hals. Das muß unbedingt unter uns Dreien bleiben!

3. 31.12.1981

Ein halbes Jahr lang hab ich keine Kippe mehr angepackt. Silvester verbringe ich bei Micha in Lennep. Uns ist langweilig, Micha hat Bock mal wieder eine zu rauchen. Ich überleg nicht lange und bin natürlich dabei. Wir ziehen ne Schachtel Marlboro und setzen uns auf die Umrandung der Rollschuhbahn. Wir rauchen auf Lunge, paffen ist nur noch was für Weicheier. Nach der ersten Kippe warte ich darauf, daß mir schlecht wird, aber alles ist gut. Es ist 21 Uhr, also haben wir drei Stunden Zeit, um die Schachtel plattzurauchen, denn wenn die Ballerei losgeht, sind wir zu Hause mit Micha’s Family, meiner Tante und Onkel, und mit meiner Oma verabredet, die im selben Haus wohnt. Zehn Kippen auf Lunge, ich bin richtig stolz!

Schon auf dem Weg vom Spielplatz zu Micha nach Hause kotze ich zum ersten Mal. Ich fühl mich, als würde ich jeden Moment umkippen. Um O Uhr erlebe ich das neue Jahr bei meiner Oma im Bett, daneben ein halbvollgekotzter Eimer. Meine Oma macht sich große Sorgen. Was soll ich sagen? Mal wieder was Falsches gegessen…

Zwei Jahre lang mach ich einen auf Kippengegner, so als könnte ich nicht verstehen, wie man sich mit den Dingern seine Gesundheit versauen kann. Echt schlimm diese Raucher. Dann kommt die Klassenfahrt nach Bernau…

4. 30.03.1984

Der letzte Tag, morgen geht’s nach Hause. Ich hab’s echt geschafft an ner Pulle Apfelkorn ranzukommen und sie ins Landschulheim reinzuschmuggeln. Krawitzki, der mit seiner Klasse mit dabei ist, und ich schließen an dem Abend Freundschaft. Im Suff natürlich. Bis jetzt waren wir uns nicht gerade sympathisch, aber wir haben einige Gemeinsamkeiten. Unsere Liebe zur Musik und daß wir beide jeweils eine eigene wöchentliche Top 10- Liste unserer Lieblingsstücke erstellen. Er kennt unzählige Bands, besitzt unglaublich geile Musik. Ich bin froh, daß er mir in den letzten Tagen Marillion, Genesis und Pink Floyd nähergebracht hat, ändert aber nichts daran, daß Frankie goes to Hollywood’s „Relax“ meine aktuelle Nr 1 ist.

Die meisten meiner Kumpels rauchen. Longus, Krawitzki, Dietmar, Adi, Biene, Frank- ich glaub Toni und Guido sind die einzigen, die nicht quarzen. Nur, sie rauchen nicht, weil sie es einfach nicht wollen, ich rauche nicht, weil ich sonst kotze! Aber ich wäre gerne der coolste 14jährige ever, nachdem ich den Titel als 12jähriger wegen einer Frauenzigarette leider abgeben mußte. Und nur Apfelkorn saufen reicht dafür nicht aus. Ich schnorr mir bei den Jungs nach und nach ein paar Kippen zusammen und verschwinde für eine Stunde auf’s Klo. Es müssen eh alle heimlich rauchen, sonst gibt’s richtig Streß mit den Paukern. Also fällt es nicht weiter auf, daß ich Richtung Lokus verschwinde. Der Gedanke, daß ich wieder alles vollkotze und das vor den Jungs und- noch schlimmer- vor den Mädels- eine echte Horrorvorstellung. Also, sollte mir wieder schlecht werden, muß ich nur den Klodeckel hochklappen und schon darf gereihert werden- ohne Zuschauer. Ich stecke mir die Erste an, die Zweite…Nichts. und ich habe schon ne drittel Flasche Apfelkorn intus, das sollte man nicht vergessen. Ich werde immer besoffener, aber auch nach den restlichen Kippen geht’s mir gut.

Ich hab es tatsächlich geschafft, ich habe den ganzen Abend Kippen auf Lunge geraucht, ohne abzukotzen. Und dabei gealkt. Ich würd sagen, ich bin als Lusche nach Bernau gefahren und komme als Held, als coole Sau zurück- YES!

Das war vor 32 Jahren. Bis heute rauche ich Zigaretten. Ich trinke fast kein Alk, nehme fast keine Drogen- aber diese Scheiße ist geblieben. Also, laßt euch nichts erzählen, Tabak ist der Einstieg- und wird es immer bleiben.20160808_023740

 

 

Dom Rep 94

Falls euch Drogenstories langweilen, braucht ihr gar nicht weiterlesen. Leider haben illegale Substanzen mehr als mein halbes Leben lang meinen Alltag bestimmt. Und wenn ich mal Urlaub vom Alltag hatte und irgendwo hingeflogen bin, dann habe ich mir früher oder später…? Richtig ! Drogen gekauft. Es wird sich für den Anti – Drugs – Normalo wieder komisch anhören, aber ich fand es sauspannend in einem fremden Land an Drogen zu kommen. Dabei ging es hauptsächlich um Grass oder Shit. In folgenden Ländern habe ich mir was zum Kiffen besorgt: Deutschland, Italien, Holland, Spanien (Lloret, Malle, Ibiza), Türkei, Portugal, ich glaube Bulgarien, bin mir aber nicht sicher, Thailand und Dom Rep. Ich bin so krank in der Birne, daß ich fast das komplette Dope aus der Türkei, Portugal und Thailand mit nach Deutschland gebracht habe, weil ich zu der Zeit kaum noch am kiffen war. Ich hab’s wirklich zu 95% für den Kick getan, für die Herausforderung, im Ausland Drogen zu kaufen. Harte Drogen habe ich außer in Deutschland, nur in Holland gekauft, und da bin ich einfach so hingefahren und nicht um Urlaub zu machen. In Thailand habe ich einmal Crystal Meth geraucht und in der Dominikanischen Republik habe ich außer ziemlich krassem Grass, das mehr geknallt hat als jedes andere Urlaubscannabis, mehrfach Kokain gekauft…

Apri 1994

Toni und ich landen in Puerto Plata, der zweitgrößten Stadt der Dom Rep. Ich könnte Scheiße schreien, wir fliegen in die Karibik und es pißt in Strömen. Glaubt einem wieder keiner. Als ich letztes Jahr mit Tim und Lütze hier war, hatten wir drei Wochen lang nur geiles Wetter. Wie gut, daß wir außer der Codeinplörre noch ein paar Gramm Schore dabei haben- da könnte es sogar schneien, alles halb so schlimm.

Eine Woche lang hängen wir fast ausschließlich auf dem Hotelzimmer rum. Einmal leihen wir uns Vespas aus, fahren ne Stunde zu irgendeinem Tennisplatz. Wir sind sickenaß, als wir ankommen, spielen trotzdem ein paar Ballwechsel. Nach zehn Minuten lassen wir es, das Wetter ist einfach zu mies. Die Hotelboys erzählen uns, daß sie so eine Regenphase zuletzt vor 20 Jahren hatten. Superklasse! Der Plan war, daß wir geil Urlaub machen und abends vorm Pennen ein bißchen zum Entspannen konsumieren, so daß wir mit unserem Zeug die drei Wochen hinkommen. Da wir aber nur auf dem Zimmer hängen, haben wir nach einer Woche alles plattgemacht.

Am achten Tag treffen wir gemeinsam eine Entscheidung- sollte es morgen noch pissen, fliegen wir nach Hause. Als wir am nächsten Morgen wachwerden, ist keine Wolke am Himmel, die Temperaturanzeige sagt uns, daß wir 30 Grad haben- im Schatten !

Letztes Jahr war ich im letzten Moment auf den Zug aufgesprungen. Ich wußte, daß die Dom Rep in der Karibik war, mehr nicht, aber Karibik konnte kein Fehler sein. Als wir abends zum ersten Mal weggingen, landeten wir in einer Discothek. Ich saß da an einem Tisch und trank meinen Cocktail, als sich eine karibische Traumfrau neben mich setzte. Wir laberten drei Sätze auf Englisch und fünf Minuten später machten wir so kraß rum, als wären wir in irgendeinem Swingerclub und nicht in einer Disco. Der ganze Ort namens Sosua lebte vom Sextourismus, was mir an dem Abend erstmal bewußt wurde. Ich nahm das Mädchen mit ins Hotel und wir vögelten die halbe Nacht. Mit den 10 Dollar um die Nachtwache zu schmieren, kostete mich das Ganze 30 Dollar. Das Geld gab ich dem Mädel morgens, bevor sie ging, ohne daß wir einmal über den Preis gesprochen hatten. Sie steckte den Zwanni ein, küßte mich zum Abschied und war anscheinend zufrieden. Ich war gerade 24 geworden und ich glaube die jungen Huren waren froh, wenn ein junger, nicht total häßlicher Typ sie abschleppte. Das war viel besser als ein dickbäuchiger fast 50jähriger, wie ich heute einer bin. Und ganz ehrlich, am Sex hatte zumindest dieses Mädchen Spaß. Ich wäre mit einer Nummer zufrieden gewesen, aber sie wollte wohl nicht nur finanziell auf ihre Kosten kommen.

Zwei Tage später ging ich zum Friseur. Beim Haareschneiden fing die Frisöse an mit mir zu flirten. Die restlichen 14 Tage vögelte ich mit ihr. Sie war schön, nett, vier, fünf Jahre älter als ich und sie kostete mich keinen Cent, außer daß ich sie oft zum Essen einlud. Aber um Kohle ging es nicht. Wir hatten Spaß und der Urlaub war geil!

Natürlich spielten dann ein Jahr später die Frauen eine gewisse Rolle, als Toni und ich wieder im selben Ort landeten. Aber in der ersten Woche hatten wir wegen des Heroinkonsums absolut kein Interesse abends wegzugehen und eventuell Sex zu haben.

Jetzt ist vom Heroin nichts mehr übriggeblieben und durch das geile Wetter dreht sich die Stimmung in die andere Richtung. Nicht mehr faul im Bett liegen und unsere Körper mit Gift lahmlegen, sondern aktiv werden und in Stimmung kommen. Wir leihen uns ne 125er aus. Ich war auf Karren schon immer unsicher, um nicht zu sagen voll die Lusche, und so setze ich mich einfach hinter Toni und laß ihn fahren. Nach knapp 100 km kommen wir an einem Traumstrand, wo ich schon letztes Jahr mit Lütze war. So ungefähr stelle ich mir das Paradies vor. Unfaßbar schöne Natur, ich habe nirgendwo anders jemals solche Palmen gesehen, so unfaßbar geiles blaugrünes 28 Grad warmes Wasser. Man kann locker ein Kilometer weit ins Meer rausgehen und hat noch Boden unter den Füßen. Wir essen Fisch, der nach Meer schmeckt, einfach geil, für keine zwei Dollar und trinken dabei n alkoholfreien Cocktail aus ner Kokosnuß. Natürlich haben wir morgens Codein getrunken, aber wir sind endlich mal klar im Kopf und glücklich.

Ich treffe zufällig meine Frisöse wieder, wir verbringen eine Nacht zusammen aber es fühlt sich nicht so an wie letztes Jahr. Und als sie anfängt davon zu träumen zu mir nach Deutschland zu kommen, beende ich am anderen Morgen die Geschichte. Alles, nur kein Streß! Ansonsten machen wir uns ne coole Zeit, aber ohne Rumgeficke. Wir knutschen abends öfters mal mit zwei Mädels rum, die natürlich irgendwo unsere Dollars haben wollen, aber nachdem wir ihnen Essen und Trinken ausgeben, akzeptieren sie, daß wir sie nicht mit auf’s Hotel nehmen. Verstehen können sie es nicht. Warum zwei Typen Mitte 20 mit ihnen ein bißchen rummachen, aber auf den finalen Sex verzichten. Wir wissen selber nicht genau was es ist. Nachdem wir in den vergangenen zwei Jahren voll in die Heroinfalle getappt sind, wollen wir einfach nur entspannen. Abspritzen gehört momentan einfach nicht dazu.

Und dann haben wir doch wieder Drogen im Kopf. In Sachen Connections klarmachen oder Leute checken, die was mit Drugs zutun haben könnten, ist Toni das genaue Gegenteil. Am liebsten ist ihm, wenn er irgendwo liegt, sein Zeug angereicht bekommt und einfach nur ziehen braucht. Fauler Sack. Wie gesagt, ich finde sowas spannend, zumindest jetzt noch, mit 24. Letztes Jahr hatten Lütze und ich Grass und später Koks bei so nem jungen Rastatyp klargemacht, und obwohl der Ort nicht groß ist, finde ich ihn nicht. Von ihm weiß ich auch, daß es auf der Dom Rep keine Heroinszene, keine Morphinisten gibt, daß da weder Nachfrage noch Angebot besteht. Zumindest in dieser Hälfte des Landes. In Santo Domingo, der Hauptstadt gäbe es vielleicht ne Hand voll Junkies, aber hier gibt’s nur Grass und Koks.

Was Schore angeht, sieht es also schlecht aus, ist auch echt besser so, sonst kommen wir eh nicht mehr in die Puschen und bleiben nur im Hotel. Abends sitzen wir draußen vor ner Kneipe und trinken Bier. Während Toni irgendwas erzählt, halte ich die Augen auf. Und endlich, ein Typ auf der anderen Straßenseite blickt mir einige Sekunden in die Augen und wir wissen beide Bescheid. Er wartet noch zwei Minuten, dann kommt er zu uns rüber.

„What are you looking for, guys?“

„What do you mean? You have anything for us?“

„Maybe, but not here. What you want? Green? Than you have to wait ten minutes.“

„Green? not bad. But what is with white?“

„Oh you want white? Of course, i can help you. But then you have to drive with me to Puerto Plata. And you have to pay the taxi.“

„Ok. Sure!“

Mein Englisch ist schlecht, sein Englisch auch, die Landessprache ist spanisch. Aber es ist spannend, daß dieses Schulenglisch ausreicht, um ein kleines Geschäft abzuwickeln. Natürlich braucht es bei Drogis auch nicht vieler Worte.

Toni gibt mir die Kohle, die er noch in der Tasche hat. Bis Puerto Plata sind es gute 20 km, aber die Taxen sind nicht teuer, solange ein Einheimischer mitfährt. Als wir aus Sosua raus sind, kommen wir an Armenviertel vorbei, die mir auf dem Weg vom Flughafen weder letztes Jahr noch vor zweieinhalb Wochen aufgefallen sind. Das verstehe ich unter dem Wort Slums. Dagegen sind die Sozialbauten in Germany die reinsten Nobelvillen. Die Menschen leben in Wellblechhütten, vielleicht 20qm groß. Aber nicht alleine oder zu zweit, Familys mit fünf, sechs Kindern, fast jede Frau hat ein Baby auf’m Arm.

Der Typ sagt dem Fahrer, daß er in einer dieser Slumsiedlungen reinfahren soll. Mitten in diesem Moloch hält das Taxi und er steigt aus. „Wait a minute.“ Fuck, zig Menschen glotzen den Deutschen an, der da auf der Rückbank sitzt und irgendwie schäme ich mich und fühle mich schuldig. So, als wäre ich verantwortlich für diese Scheiße hier. Für die Armut, mit der diese Menschen hier tagtäglich fertigwerden müssen. Und ich maße mir an, mit meiner mit Dollars gefüllten Hosentaschen ihnen einen Kurzbesuch abzustatten. Alleine vom Taxigeld könnten sie wahrscheinlich ihre Familie eine Woche ernähren.

Ich frag mich wie das abgehen soll. Will der mir den Stoff vor den Augen der Einheimischen und des Taxifahrers einfach geben, während ich ihm die Kohle in die Hand drücke? Falsch gedacht. Er kommt mit einem anderen Typen zurück, älter und wesentlich kaputter.

„Listen guy, my friend here bring you to Puerto Plata. White is his buisness, my buisness is green. Please give me five dollars for my help.“

Scheiße, ich ahne nichts Gutes. Aber ich gebe ihm den Fünfer und fahre weiter. Jetzt will ich es auch wissen. Mittlerweile ist es dunkel. Nicht zu glauben wie schnell das hier geht. Vor fünfzehn Minuten schien noch die Sonne. Der neue Typ hat nur noch zwei Zähne im Maul. Damit erinnert er mich an Johnny Alucard aus „Dracula jagt Mini-Mädchen“. Nach weiteren fünfzehn Minuten fahren wir nach Puerto Plata rein. Der Typ labert die ganze Zeit auf spanisch mit dem Taxifahrer, hört sich zwischendurch so an, als würden sie streiten. Er dirigiert ihn durch zig Kreuzungen und Straßengabelungen, bis wir irgendwo in einer Ecke landen, wo nichts los ist. Der Fahrer hält.

„Give him the money and then you come with me.“

Wir steigen aus. Keine Sau weit und breit. Das Taxi entfernt sich. Der Typ pfeift auf einmal tierisch laut auf zwei Fingern. Wie aus dem Nichts tauchen drei Typen auf. Mein Hirn sagt mir Folgendes: Du stehst in einer Großstadt in Mittelamerika in einer verlassenen Gegend, um dich rum vier Typen, wahrscheinlich bewaffnet, die genau wissen, daß du einige Dollars in der Tasche hast. Es ist stockdunkel. Außer einem wahrscheinlich korrupten einheimischen Taxifahrer, weiß niemand, wo du bist und es wird auch niemand wissen, was aus dir geworden ist, falls Toni dich morgen als vermißt meldet…

Meine Fresse ist sofort betäubt. Definitiv gutes Coca! Der Preis ist um einiges teurer als in Deutschland, aber das war klar und wußte ich ja schon vom letzten Jahr. Wir reichen uns die Hand.

„Hey guy, if you come to Dom Rep next year, you know, this is the best white in Puerto Plata.“

Na logisch!

„Sure, thanks a lot. But how i come back to Sosua….?“

Kurz drauf sitze ich bei einem von den Typen auf einem sogenannten Motorponcho. 50er mit extrem breiter Sitzfläche. Oben an der Hauptstraße steige ich ab.

„Now you have to drive with taxi. Good luck.“

Oh Mann, im Nachhinein war die gefährlichste Situation von allen, als ich dem Taxifahrer klarmachen mußte, daß ich den ausgehandelten Preis nicht zahlen kann. Hatte total vergessen, daß ich dem Typen ja fünf Dollar Provision gegeben hab. Als ich den Schein aus der Hosentasche kramen will, fällt’s mir erst wieder ein. Der Fahrer rastet aus. Ich biete ihm an, mich bis zum Hotel zu fahren, um ihm da das Geld zu geben, aber wenn ich sein megaschlechtes Englisch richtig versteh, ist er eh viel zu spät dran und er soll Touris vom Flughafen abholen.

„I’m so sorry, believe me.“

„Fuck you, gilipolla!“

Naja, korrekt war das nicht. Danach habe ich noch einen fetten Streit mit Toni, der für die Kohle mehr Koks erwartet hat. Ich erinnere ihn daran, daß ich mal eben mehr oder weniger mein Leben riskiert habe, während er gemütlich mit ner geilen Schnalle n Bier getrunken- und danach gemütlich ne Runde geknackt hat. Und daß wir hier weder in Deutschland noch in Holland sind. Er sieht das irgendwie anders, er hätte mich nicht gezwungen so’n Risiko einzugehen und das Meiste von der Kohle wäre sein’s gewesen. Stimmt beides. Aber nach der ersten Nase ist der kleine Disput vergessen, im Gegenteil, wir lachen uns beide darüber schlapp, wie krank wir doch sind. Wenn man als Drogi keinen Humor hat, sollte man sich die Kugel geben.

Nach drei Tagen, zwei davon schön auf Koks, geht’s nach Hause. Im Nachhinein waren die drei Wochen fast perfekt. Wie fast alles mit Mitte 20…20160806_133016

 

 

 

Shit happens

Es gab auch die anderen Tage. Die, die nicht ahnen ließen, daß irgendeine dumme Scheiße passiert und wo man sich am Ende des Tages fragte, wie es soweit kommen konnte.

2014

Vor der Türe treffe ich zufällig H, der seine Ma besucht hat. Wir labern kurz, und da ich zu meinem Methadoc muß, der ganz in der Nähe von H’s Wohnung ansässig ist, bietet er mir an, mich im Auto mitzunehmen.

Wir haben uns länger nicht gesehen und reden beide drauf los, dabei vergesse ich mich anzuschnallen, was ich eigentlich immer sofort nach dem Einsteigen als Erstes mache. Nach einer Minute biegen wir ab auf die Lindenallee, die Hauptstraße Richtung Doc. Nach wenigen Metern taucht hinter uns ein Bullenwagen auf, der uns auffordert rechts ranzufahren. So ein Fuck. Es folgt das übliche Procedere, Führerschein, Ausweis, Fahrzeugpapiere. Haben wir alles parat, unterdessen werde ich über mein Fehlverhalten aufgeklärt und was mich der Scheiß kostet.

Der eine Bulle funkt die Daten unserer Persos durch. Als er zuruückkommt, will er wissen, ob H Verbandskasten und Warndreieck dabei hat. Hat er. Danach wollen sie wissen, ob H Alkohol getrunken hat. Hat er nicht. Er soll aussteigen, über eine gerade Linie gehen, mit dem Zeigefinger seine Nasenspitze berühren. Macht er, kann er. Danach soll er trotzdem pusten. Ergebnis 0,0 Promille.

„Haben Sie vor der Fahrt irgendwelche Betäubungsmittel konsumiert? Wir haben erfahren, daß Sie schonmal mit dem BTM- Gesetz in Konflikt gekommen sind.“

„Das ist mir klar, daß Sie das erfahren haben. Dann wissen Sie sicher auch, daß das 2o Jahre her ist. Außerdem sitze nicht ich am Steuer. Abgesehen davon, nein, wir haben vor der Fahrt keine Betäubungsmittel konsumiert.“

H soll aussteigen und abpissen.

„Ja, wo denn? Etwa hier, vor den vorbeifahrenden Autos?“

„Sie können sich da hinten hinter den Sträuchern stellen.“

Der Haß schnürt mir fast die Kehle zu. Der Bulle, der die ganze Zeit labert, ist über 20 Jahre jünger als wir.

„Können Sie mir sagen, ob Ihr Kollege in den letzten Tagen etwas konsumiert hat?“

„Woher soll ich das denn wissen? Wir wohnen nicht zusammen. Wenn Sie es genau wissen wollen, wir haben uns mal n Joint zusammen geraucht, da waren Sie allerdings noch nicht geboren.“

„Also ich wüßte, ob jemand aus meinem Bekanntenkreis etwas genommen hat.“

„Glückwunsch, daß Sie ihre Bekannten so gut kennen. Sowas gibt es nicht oft.“

Ich kann einfach nicht cool bleiben, mein Haß auf dieses grüne Stück Scheiße erreicht gerade einen neuen Höhepunkt. Ich wette, er ist einer von denen, die früher auf der Schule gequält wurden, sein Aussehen paßt einfach. Und der sich jetzt an sein kleines bißchen Macht, das ihm die Uniform und der Dienstausweis gibt, extrem aufgeilt. Ich weiß, daß ich mir jedes weitere Wort sparen kann.

„Warum überprüfen Sie nicht, daß mein Kollege seit über 25 Jahren unfallfrei fährt. Das, plus Ihr Alkoholtest sollte doch ausreichen. ICH hab einen BTM- Eintrag, nicht er.“

Nach über 20 Minuten hat H ein paar Tropfen über den Teststreifen uriniert. Er ist positiv. Das war mir klar, im Gegensatz zu mir, raucht sich H immer noch hin und wieder gerne einen. Metha ist natürlich auch positiv, anscheinend muß das Straßenverkehrsamt unterrichtet sein, wenn man im Programm ist. H muß mit zur Wache, ich gehe zu Fuß nach Hause, der Doc hat längst Feierabend.

Ich fühl mich beschissen. Erst war ich nicht angeschnallt und dann noch mein BTM- Eintrag, die ganze Kacke habe ICH H eingebrockt- zumindest zu 80%. Von ihm kommt kein Vorwurf.

Als Monate später der Brief von der Stasi reinflattert und darin steht, daß H den Lappen nur drei Monate abgeben muß, fällt mir ein Stein vom Herzen. Dann ist ja doch alles nur halb so schlimm !

Eine Woche später bekommt H noch einen Brief- diesmal vom Straßenverkehrsamt. Die Fleppe wird komplett eingezogen. Nach einem Jahr kann H MPU machen, als Methapatient kann er sich den Spaß und die Kohle aber gleich sparen. Er ist seitdem Fußgänger und Busfahrer. Klasse !20160803_233755

Die traurige Wahrheit der coolen S.

Ihr Name war Susanne, wir nannten sie Susi. Ich lernte sie 2006 in Therapie kennen. Sie kam, als ich schon vier Monate da war. Sie war natürlich clean, das war Voraussetzung. Eine hochintelligente Frau, die uns mit ihrer Erfahrung, ihrer Ruhe, man kann fast schon sagen mit ihrer Weisheit um den Finger wickelte. Anfangs mochte sie mich glaub ich nicht besonders, während sie über die Schwachköpfe, den Übertherapierten nur den Kopf schüttelte und sie einfach reden ließ, suchte ich ständig die Konfrontation. Ich glaube, das langweilte sie. Außerdem mißtraute sie Männern, das merkte ich ziemlich schnell.

Am Besten verstand ich mich mit Tanucha, einer Kasachin, die ich von der ersten Sekunde an mochte, ebenfalls eine intelligente Frau, die auch einige Zeit brauchte, um mit mir über alles reden zu können. Mit ihr blieb ich auch NACH der Therapie befreundet, eigentlich bis heute, aber jetzt hab ich mich schon fast ein Jahr nicht mehr gemeldet. Wirklich dumm, denn sie ist eine tolle Person.

Tanucha und Susi waren bald richtige Freundinnen und so kam es dazu, daß Susi mir gegenüber offener wurde und schon bald war klar, daß wir auch den selben Humor hatten. Den Ausgang verbrachte ich jetzt am liebsten mit den beiden Mädels. Sexuell interessierten mich die beiden absolut null, genauso wenig wie umgekehrt, ich denke nur so war unser gegenseitiges Vertrauen überhaupt möglich. Susi war auch ein paar Jahre älter, nicht häßlich, aber ihr Gesicht war irgendwie vom Leben gezeichnet.

Es gab eine reine Frauengruppe, ich glaube zwei Stunden die Woche. Es war klar, daß es da um richtige Scheiße ging, die die Frauen in ihrer Vergangenheit erlebt hatten. Vergewaltigung, Gewalt, Prostitution. Irgendwie bekam ich mit, daß Susi’s Vergangenheit sehr oft Thema war, aber obwohl wir uns mit der Zeit so geil verstanden, blieben diese Dinge auch vor mir tabu. Und Tanucha hätte natürlich auch niemals irgendwas ausgeplaudert, mit ein Grund, warum ich sie so sehr mochte.

Irgendwann im Ausgang setzten wir uns ins Taxi, hackten nach Kölle, dahin, wo es Drogen gab und kauften Schore. Total spontan, ohne groß vorher drüber gequatscht zu haben. Aber wer solange drauf war wie wir und sich so gut versteht, der will dann auch einmal zusammen Gas geben, denn die Sucht war das, warum wir hier waren und was uns von Anfang an verband. Hört sich dumm an, ist es irgendwo sicher auch, aber es schweißt einen noch mehr zusammen als eh schon, zumindest, wenn es dabei bleibt und man die unschönen Seiten des Konsums dann nicht mehr gemeinsam erlebt. Und wir hatten uns hier ja erst kennengelernt, also war das eher unwahrscheinlich. Glaubte ich.

Wir rauchten bei den Mädels auf’m Zimmer ein paar Bahnen von der Alufolie. Natürlich waren wir nach einer so langen Cleanphase ruckzuck dicht. Aber ich war trotzdem überrascht, als Susi uns ihr restliches Zeug schenkte. Dabei erfuhr ich zum ersten Mal, daß ihr größtes Suchtproblem nicht das Heroin, sondern der Alk war. Sie war zwar nicht bei mir in der sogenannten Kleingruppe, die aus sechs bis acht Süchtels bestand, aber trotzdem wurde auch im Plänum, d.h.in den Großgruppen mit allen Patienten, über jeden einzelnen genug geredet und diskutiert. Aber das war wohl an mir vorbeigegangen.

Ich wurde von uns Dreien als erstes entlassen, mehr oder weniger „erfolgreich“, trotz meiner Rückfälle. D.h.ich wurde nicht rausgeschmissen oder so. Die Kölnfahrt mit den beiden und der anschließende Konsum kam nicht raus, obwohl unsere Pupillen auch am Morgen danach klein wie Stecknadelköpfe waren.

Kurz nach mir hatte Tanucha ihre Zeit rum, fast gleichzeitig mit Susi, die bei ihrer Rentenversicherung nur drei Monate beantragt hatte. Natürlich waren wir bald alle rückfällig, anfangs hält sich der Konsum im Vergleich zu vorher aber noch in Grenzen. Natürlich geht das mit dem Hochdosieren bei Junks ziemlich schnell, aber wenn man Monate lang clean war, haut man sich nicht gleich ein Gramm auf den Löffel, bzw auf die Alufolie.

Ein Pärchen unserer Therapiegruppe war zufallig in eine Wohnung des Hauses gezogen, in dem 1977 Hanns Martin Schleyer von der RAF bis zu seiner Ermordung ca 43 Tage lang gefangen gehalten wurde. Schon komisch, denn das Buch „Der Baader-Meinhof-Komplex“ hatte ich mehrfach gelesen und natürlich auch den Film gesehen. Aber die Wohnung war schön. Wir trafen uns dort mit sieben Leuten, die kurz nach Therapie alle wieder drauf waren. Schon da war von der alten Susi nicht mehr viel übrig und hinterher meinten alle, bis auf Tanucha und mir, daß wir beim nächsten Treffen Susi bloß nicht Bescheid sagen sollten.

Und dann wollten mich Susi und Tanucha bei mir zu Hause besuchen. Natürlich mit Übernachtung, denn allein die Zugfahrt zu mir dauerte fast drei Stunden. Tanucha wohnt in Aachen, wo Susi herkam, weiß ich traurigerweise nicht mehr. Tanucha sagte kurzfristig ab, die Begründung habe ich auch vergessen. Unwichtig. Ich holte Susi vom Bahnhof ab und von da ging es sofort zu Snickboy. Eigentlich brachte ich nie Leute mit zu ihm, aber ich wollte sie auch nicht irgendwo warten lassen. Das war schonmal ein Fehler. Sie war schon ziemlich betrunken und wollte unbedingt, daß Snickboy uns mehr für die Kohle gibt, obwohl der Kurs absolut in Ordnung war. Im Bus auf dem Weg zu mir, machte sie mich dumm von der Seite an, warum ich sie nicht unterstützt hätte. Ich versuchte ihr zu erklären, daß Snickboy und ich uns seit Jahren kennen würden und daß ich seit eh und je diesen Preis zahlen würde und wenn sie das so wenig fände, hätte sie ja schon was mitbringen können.

Man konnte mit ihr absolut nicht vernünftig reden. Hinterher erfuhr ich, daß sie da schon anderthalb Liter Jägermeister intus hatte. Für diese Menge Alkohol war sie wiederum verhältnismäßig klar. Sie blieb zwei Nächte und in dieser Zeit habe ich in menschliche Abgründe blicken müssen, wie nie zuvor und nie wieder danach. Am Ende hatte sie weitere drei Liter Jägermeister gekillt- und das ist die Wahrheit. Ich habe gesehen und selbst erlebt, was harte Drogen mit einem machen können. Es ist kraß und schockierend, aber seitdem weiß ich, daß das im Vergleich zu Alk ein lustiger Kindergeburtstag ist.

Daß dieses Gift überall legal erhältlich ist, bei jährlich 15000 Alkoholtoten alleine in Deutschland, ganz zu schweigen von all den Krankheiten, die der übertriebene Konsum verursacht und wir Junkies kriminalisiert werden und im Knast gesteckt werden, ganz zu schweigen von den anderen Steinen, die uns im Weg gelegt werden- damit fange ich jetzt besser nicht an. Obwohl, habe ich ja jetzt schon. Wir haben jetzt tolle Bilderchen auf unsere Kippenschachteln, aber ne Pulle Strohrum, die tut doch gut, die wärmt doch, wenn es draußen kalt ist. Kotzen könnt ich…

Je mehr Susi trank, desto krasser brach sie zusmmen. Und dabei erzählte sie mir eine Story, die so unfaßbar menschenverachtend war. Hätte ich Susi anders kennengelernt, dann hätte ich am Wahrheitsgehalt wahrscheinlich gezweifelt, aber ich WEISS, daß jedes Wort von ihr nichts als die Wahrheit war.

Vor einigen Jahren war sie mit einem Typen zusammengekommen, in den sie sich verliebte und von dem sie mit der Zeit immer abhängiger wurde, nicht nur in Bezug auf Alkohol und Heroin. Jetzt kommt’s: über viele Jahre hielt er Susi als HUND. Was das heißt? Sie mußte angeleint in der Wohnung bleiben und durfte sich JAHRELANG nur auf allen Vieren bewegen. Täglich steckte er ihr verschiedene Gegenstände in ihre Körperöffnungen, d.h. anal und vaginal. Wer von seinen kriminellen Freunden tatsächlich noch Lust hatte, Sex mit ihr zu haben, der mußte einen Betrag bezahlen, die der „Freund“ sich komplett einsackte. Wenn sie all ihre Kräfte bündelte und raus aus dieser Folter wollte, dann drohte der Typ, ihren Eltern etwas anzutun. Und er bewegte sich in Kreisen, die Ernst machten und auf ein Menschenleben schissen.

Sie hielt diese Prozedur nur unter extrem viel Alkohol und harten Drogen aus, was dem Typen nur recht sein konnte, desto abhängiger war sie von ihm. Alle Einzelheiten hat sie mir nicht erzählt, sie brach zwischendurch komplett zusammen, deshalb wollte ich auch, daß sie noch eine Nacht länger bleibt. Wie sie es schaffte da rauszukommen, weiß ich nicht, jedenfalls wurde sie seit einiger Zeit wieder von dem Kerl bedroht. Ihn anzuzeigen, dazu fehlte ihr irgendwie die Kraft. Es gab für sie auf längere Sicht nur zwei Lösungen- entweder sie bringt diesen Verbrecher, diesen Riesenwichser um oder aber sich selbst.

Ich war froh, als sie weg war. Ich hatte gewartet , bis sie alk- und gefühlsmäßig etwas runtergekommen war und brachte sie zum Bahnhof. Ich war nach den zwei Tagen selber fix und fertig.

Es ist jetzt neun Jahre her. Ich habe lange überlegt, ob ich darüber schreiben soll. Ich kenne mich selbst, wie ich manchmal drauf bin. Als Hund gehalten, ne Salami im Arsch gesteckt kriegen und damit rumlaufen- hahaha, wie lustig, und wie dumm muß die Alte sein, es soweit kommen zu lassen. Ich kann nur sagen, diese Frau hatte was im Kopf, sie war intelligent. Und man konnte mit ihr gut ablachen, über WIRKLICH lustige Sachen. Und sie hatte Herz, in Therapie habe ich sie als hilfsbereiten Menschen kennengelernt. Sie war gerade und sagte dir ihre Meinung ins Gesicht. Und keine zwei Monate später sah ich eine kaputte, selbstzerstörerische Frau, voller Haß und Selbsthaß, zerfressen vom Alkohol.

Ein halbes Jahr später rief Tanucha an und erzählte mir, daß Susi sich umgebracht hat. Bis heute weiß ich nicht wie. Ich will’s nicht wissen!20160802_184226