Die kleine Welt der Drogis

1.

Vor ein paar Jahren bei meinem Methadoc

Die Arzthelferin schickt mich mal wieder zum Abpissen – Kontrolle ob ich böse war und in den letzten Tagen Drogen konsumiert habe. Ich marschiere Richtung Lokus, drehe den Wasserhahn auf zum Anregen, mache meinen Hosenstall auf, hol meinen Penis aus der Hose und will mich gerade entleeren und gleichzeitig den Drogenscreeningbecher mit meiner Pisse auffüllen. Plötzlich geht die Tür auf und dieser komische Assistenzarztspacko, der seit ein paar Wochen so eine Art Praktikum hier abliefert, kommt rein und glotzt erst mich kraß arrogant an, dann meinen Schwanz.

„Können Sie mir mal sagen was Sie da machen? Geht’s noch?“

„Was wohl? Ich kontrolliere, ob Sie auch Ihren eigenen Urin abgeben und hier nichts faken! Ich kenn doch eure Tricks!“

Ich koche und muß mich ganz schwer beherrschen nicht komplett auszurasten. Das Schlimme ist, daß der Typ auch noch recht hat. Ich habe früher mehr als einmal Urin von anderen abgegeben, wenn ich mal wieder Heroin konsumiert hatte und nicht wollte, daß das rauskommt. In Entgiftungs- und Therapieeinrichtungen geht immer ein „Kontolleur“ mit auf’s Klo, völlig normal. Mich regt die Art und Weise dieses Unsympaths auf, dieser abschätzige Blick, der mir jede Sekunde sagt, daß ich ein asoziales Stück Scheiße bin.

„Hören Sie, ich bin bei Dr. S. seit zig Jahren im Programm und es hat noch nie Probleme gegeben. Und wenn Sie mir auf meinen Penis starren, kann ich nicht pinkeln!“

„Na gut, ich stelle mich da vorne hin, aber ich behalt Sie im Auge!“

Dummer Wichser!

2.Ne Woche später im Deja

Der Laden ist mal wieder gut gefüllt. Wir wollen uns eine rauchen und gehen raus in die Raucherzone.  Als ich die Tür aufmache, kommt mir ein Typ entgegengetorkelt. Meine Fresse, der Kerl hat bestimmt 2 Promille. Er rempelt volles Rohr ein Mädel an und als diese ihn fragt, ob er nicht besser aufpassen kann, lallt er irgendwas von wegen sie hätte einen ziemlich geilen Arsch. Im selben Moment erkenne ich ihn- es ist das Assistenzarztarschloch, hackebreit wie kein Zweiter hier in dem Schuppen. Von mir aus kann er sich totsaufen und sich hier weiter blamieren wie er will- aber uns Junkies auf’n Sack gehen und dabei selbst so’n kaputtes Stück Scheiße sein, geht in meinen Augen gar nicht!

Ein paar Tage später erfahre ich, daß er nicht mehr bei Dr. S. arbeitet- unter den Junks geht das Gerücht rum, die beiden wären miteinander nicht klargekommen…

3. 17. Dezember 2016

Reimundo holt mich pünktlich gegen halb sechs ab. Er hat sich den kleinen Bus geliehen- es kommen nicht nur seine alte Freundin Susanne mit Sohn mit, sondern auch noch zwei Bekannte von ihr. Die sollen nun als Nächstes aufgegabelt werden. Wir wollen nach Mülheim ins Palladium, New Model Army spielt, wie jedes Jahr kurz vor Weihnachten. Ich hab die Jungs mal 1993 beim PinkPop in Holland gesehen, bin aber eher der Banause, was deren Mucke angeht. Aber Reimund und Susanne waren in jüngeren Jahren mehr oder weniger richtige Fans. Ich freu mich, daß mich Reimundo gefragt hat, ob ich mitkommen will.

Die zwei Typen sollen wir auf Hasten abholen. Reimund erzählt mir nebenbei, daß einer von denen Arzt ist. Reimund hält und es dauert ein paar Minuten, bis die Jungs aus dem Haus rauskommen und einsteigen. Die beiden stellen sich vor und während der eine den ganzen Abend kaum noch was von sich gibt, labert der andere uns von Anfang an ein Knopf an die Backe. Er hat Lemmy mal im Palladium gesehen, das war natürlich spitzenklasse und er ist Sänger in ner Band und er ist froh keine Blagen zu haben (Reimundo hat sechs…) und blablabla. Es ist der Arzt und irgendwie kommt der Typ mir die ganze Zeit bekannt vor…

Im Palladium angekommen, geh ich mir nach kurzer Zeit in der Raucherzone eine qualmen. Bis zum Konzert ist es noch ein Weilchen. Der Doc dackelt mir hinterher, um mir seine längst gepriesene E- Zigarette vorzuführen. Ein Typ fragt mich nach Kippe und Feuer.

„Aber rauchen kannst du selber…?“ mischt er sich ein. „Bei Lemmy damals haben wir einfach in der Halle geraucht, da sind wir nicht extra rausgegangen!“ labert er weiter. Auf einmal geht mir ein Licht auf…

„Kann es sein, daß du mal bei Dr. S. gearbeitet hast?“

Er hat…(mich erkennt er dagegen unter den ca 30 angefressenen Kilos der letzten Jahre nicht)

Das Konzert ist top- nicht nur, daß New Model Gas gibt, als Vorband spielt Abwärts. Auch eine Uraltdeutschpunkband, die ihr Handwerk versteht. Außerdem ist Reimundo gut drauf, obwohl wir beide  trotz intensiven Bemühens es nicht schaffen, auf den Oberrang zu gelangen- wir sind einfach keine very important persons…

Die Rückfahrt. Ich sitze wieder neben Reimund auf dem Beifahrer und während wir uns den ein oder anderen ungläubigen Blick zuschmeißen, ist unser Doc in einer Tour am labern- hauptsächlich dummes Zeug. Für das Konzert hab ich keinen Gehörschutz gebraucht, für diesen endlosen Schwall an Stuß hätte ich dann doch besser was mitgenommen. Lemmy würde sich definitiv im Grabe rumdrehen…

4. Drei Tage später

Durch Zufall treffe ich n alten Drogenkollegen wieder. Wir unterhalten uns und wir kommen auf einen anderen alten Kumpanen von uns zu sprechen. Ich wundere mich, daß ich den gar nicht mehr bei Dr. S. antreffe.

„Nee, der bekommt sein Methadon jetzt bei so nem Arzt auf Hasten. Soll zwar n ziemlicher Schwätzer sein, aber dafür geht er auf Rockkonzerte und trinkt sich auch mal gerne einen, hab ich gehört…“

27.Dezember 2016

Nachdem mir Weihnachten ein paarmal schwindelig war und es mir auch sonst nicht gut ging, latsche ich zu Dr. S. Er ist krank und Dr. G. vertritt ihn. Mein Blutdruck ist trotz Tabletten schon wieder viel zu hoch, was bedeutet, daß ich ab jetzt die doppelte Ration einnehmen muß. Naja, wenn’s sonst nichts ist…

Doch, da ist noch was- im Sommer hört Dr. S. auf und geht in Rente.

„Ja wie, und was ist dann mit Methadon?“

„Tja, das ist ein Problem. Ich darf leider nicht substituieren. Aber auf Hasten ist ein Arzt, der hat auch schonmal kurz bei Dr. S. gearbeitet…“

Ob es 2017 wohl gut mit mir meint? Warten wir es ab…